Jähzorn – ein nicht ankommen wollen


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Angestachelt von den räudigen Konzerten im Treptower Plänterwald, wo man bei billigem Bier ungehemmt Pogo tanzen konnte und der ausgelassenen Stimmung zwischen Lederjacken und Irokesen, wollten wir selbst eingreifen. Anfang 1983 gründeten wir unsere eigene Punk-Combo Jähzorn. Wir hatten seit 1981 vorher schon eine Band: DOOF (ausgesprochen: „Deutlich Ober Osmanische Freundschaft“); natürlich in Anspielung auf DAF. Die hatte noch mehr Hippie-Einflüsse, weil wir vom Drogen-Rock kamen. Bands wie Hot Tuna, Greatful Dead, Cpt. Beefheart, Zappa und The Doors hatten uns bis dahin geprägt. Aber es lag längst eine andere, fühlbare Energie in der Luft – Punk war in die DDR eingefallen und fackelte nicht lange.

Wir probten mit Netzen voller Bier und schlimmen Rotwein in einer leerstehenden, arschkalten Wohnung und später in einer Gartenlaube in Berlin-Mahlsdorf. Die Band war die Party! Die Instrumente waren ein Problem. Irgendwo war noch eine einfache Trommel aus einem Spielmannszug liegen geblieben. Die Gitarre kauften wir für Ostmark am Strausberger Platz. Seit einiger Zeit waren ich und Ebi der Band Pankow zu Konzerten hinterher gereist, so lernten wir die Pankow-Jungs besser kennen. Pankow-Baßist Jäcki Reznicek war in die Wohnung von Veronika Fischer in der Straßmannstraße eingezogen, die kurz zuvor die DDR verlassen hatte. Wir liehen ihm unsere Punkscheiben aus dem Westen, die unsere Großmütter angeschleppt hatten. Er verkaufte uns seinen Baß für günstige 100 Ost. Aus diesem Kontakt erwuchs auch meine frühe Zusammenarbeit mit Pankow als Texter.

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Unsere jähzornigen Texte schrieben Fisch und icke. Das waren eher hingerotzte Statements, mal gesellschaftsbezogen, mal reiner Nonsens im Geiste der Dadaisten. Die Tracks hießen „Stalin lebt“, „Verhör“, „Durchfall“ oder „Landarzt“. Wir konnten in dieser Zeit sowieso fast alle neuen NDW- und Punk-Songs, die via Radio in den Osten schwappten, auswendig. Manchmal unterhielten wir uns einfach nur in Songzeilen von DAF, den Neubauten, Fehlfarben oder Ideal.

 

Jähzorn waren:    Fisch Wischer                         Bernd Fischer (voc)

                            Der Dativ                            Ronald Galenza (git)    

                            Et Gelonida                         Ebi Hintze (b)

                            Lila L.                                Lisa Fischel (dr)

                            Dicka                                 Ronald Beckert (dr)

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Artwork war uns wichtig, so entwarfen wir schon das fertige Cover unserer ersten LP, die natürlich nie erschien. Als aber etwas später ein Foto von Jähzorn in der Kultur-Wochenzeitschrift „Sonntag“ erschien, waren wir stolz wie Bolle. Dieses Foto entstand während einer Aufnahmesession im völlig zerstörten S-Bahnhof Ahrensfelde, Ausgang Friedhof. Der Fotokünstler Matthias Leupold machte sehr grimmige, mutlose Bilder, was unserer damaligen Haltung sehr entsprach. Jahre später tauchte nochmals ein Foto von Jähzorn in der DDR-offiziellen Musikzeitschrift „Melodie & Rhythmus“ auf, aber da existierte unsere Band schon längst nicht mehr.


Betrunken zu rocken, frustrierte Texte herauszuschreien und stundenlang dilettantischen und monotonen Krach zu produzieren war für uns Punk. Die Musik zur Zeit. Ein berauschendes Gefühl, eine nie gespürte, hitzige Energie, ein Loslassen und Ausflippen. Ein nicht ankommen wollen. Wir waren endlich wir selbst, ohne Kompromisse und Ausreden.

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R. Galenza