Sauerkraut & Sushi

Gesänge vom Tönen der Sprache

Die Symptome: “Das war kein Sozialismus, das war Spießerkram. Wir sind nicht am Ende, wir fangen an” schmettert Knarf Rellöm auf seiner neuen Platte. Bernd Begemann trauert auf seiner neuen “Sag Hallo zur Hölle”: “Niemand erwartet etwas von uns, niemand traut uns etwas zu”und Fünf Sterne deluxe werden in “Ja, ja deine Mudder” noch drastischer: “Wir sind strange, alle vier extrem labil. Wir machen Musik ohne Anspruch ohne Ziel, wir sind charakterlos, uns fehlt Profil.” Rammstein-Ausrufer Lindemann tut sich mit den Puhdys zusammen, Echt covern Begemann und Westbam singt Abwärts. Schon 1992 schimpfte Tom Liwa “Fünf Jahre nach mir und drei Jahre nach Blumfeld kaufen sie alles ein was deutsch singt und laut genug lügen kann.” Da sind wir längst angekommen. Ahnungslose nennen das Pop 2000.

“Politische, kulturkritische Publizistik, die überhaupt Wirkung haben will, muß zweierlei viel stärker tun: 1. sie sollte sich gerade nicht vor allem an Mikrophänome und Subszenen dranhängen, sondern zuerst die Phänome abarbeiten, die von vielen als unübersehbar wahrgenommen werden. 2. Eine politische kulturkritische Publizistik sollte grundsätzlich die jeweils problematischen Aspekte an Kulturerzeugnissen beschreiben. Musikhören kann eine angenehme Sache sein, aber immer weiter Sätze zu veröffentlichen, die auf diese schlichte Feststellung reduziert werden können, hat bis auf weiteres den Anspruch auf politische Fortschrittschlichkeit verloren.” (Felix Reidenbach in SPEX)

Westernhagen, Lindenberg und Niedecken - die toten Augen von Deutschland.
Hamburg macht in Ebbe und Flut. Die Hamburger Schule scheint geschlossen. “Kommst du mit in den Alltag?” fragen Blumfeld und bündeln kundige Protestlieder mit fluffigem Sehnsuchtspop. Distelmeyer erneuert seine Kritik an den ungerechten Zuständen und versucht, den Spagat zwischen öffentlichem und privatem Wirken zu definieren. Auch wenn ich glaube, das “Old Nobody” mehr Verwirrung als Begeisterung hinterlassen hat, Distelmeyer kämpft wenigstens noch gegen die Vereinzelung des Individums an und begibt sich ungeschützt ins Brackwasser der Emotionen. Jetzt bei East-West-Records unter Vertrag, um mehr aufgeklärte Geister erreichen zu können.
Tocotronic sind auf dem Ausweg des Älterwerdens angekommen: reifer, wissender, erwachsender, Schluß mit dem Anorak-Pop; extratensive Sprache und nicht länger Anführer einer nichtvorhandenen Jugendbewegung sein wollend. Sie produzieren weiter clever, wie Die Sterne, gutverkäufliche T-Shirt-Slogans: “Wir werden das System durchschauen” (K.O.O.K.) Wird man zwangsläufig irgendwann diskursmüde und will endlich auch mal ein bißchen Geld verdienen? Aber Neid ist kein guter Zechpartner an der Bar der alten Freunde. Begemann stellt klar: “Keine Schulterklopfclubs für mich/ kein rechtschaffendes Weißweingewissen/ ich will meine Wahrheit/ mit niemandem absprechen müssen. Ich brauche keinen Kollektiv-Korrektiv/ keinen gut gemeinten Aufsichtsrat-Rat/ ich steh lieber allein.” Sind Echt jetzt Hamburger Schule? Rocko Schamoni sieht sich inzwischen distanziert als “Der Mann im Mond” und inszeniert sich als galanter, nichtssagender Conaisseur. Todschick, und so ästhetisch! Auch Knarf Rellöm wettert auf seiner seltsam zerfasterten und unentschlossenenen neuen Platte “Fehler is King”: “Ich will dazugehören, mich einmischen im Leben, Politik, Scheiße & Psychologie & die Anderen, die jetzt applaudieren/ einige von euch sind doch nur zufällig auf dieser Seite/ ihr habt dafür nichts getan! Ihr Schmerzleugner, was wißt ihr schon? Stinkende Jasager, die sich hinter Modernität verstecken.” Er versucht Wut und Frustrationen in einer sybartischen Folie aus seltsamer, elektronischer Groovemusik tanzbar zu machen.
Tilman Rossmy trinkt schon zu lange in diesem Geschäft.Tobias Gruben ist tot, Tobias Levin und Kristof Schreuf schweigen. Die kongenialen Lassie Singers aufgelöst, vom eigenen Anspruch und jahrelanger Erfolglosigkeit zermürbt? Aber sie bilden neue Strukturen, werfen ihre sinnstiftenden Netze jeden Mittwoch in der Flittchen-Bar in der Maria im Berliner-Ostbahnhof aus. Max Müller, trauriger Beat-Poet, werkelt, kaum noch wahrnehmbar, an seinem sinstren Alterwerk voller Würde und strahlender Größe. Kaum noch zu glauben gewagt, sind Milch jetzt zurück. Nach vier Jahren im Tresor von Motor Music, wandelt Armin von Milch jetzt durch seinen “Socialpark” und reflektiert seine schrillen neunziger Jahre in der neuen Hauptstadt Berlin. Tom Liwa singt heute: “Wir wollten das Versprechen auf etwas Größeres einlösen; wir wollten.../ sah nicht nach rechts, sah nicht nach links.../ganz freier wille und fett & filz/ inmitten der herde.” Liwa’s neues Werk “St.Amour, reduced to the max” wird vorraussichtlich im Frühjahr erscheinen und ist das wundervollste, verzweifelste und warmherzigste in deutscher Sprache seit langem. Endlich wieder jemand, der ohne Narrenkappe von sich selbst und wahrhaftigen Problemen erzählt: “Leg dein Ohr auf die Gleise und vergiß nicht zu zweifeln.” Jeder werkelt an seinem eigenen Ding herum in der Hoffnung, daß wird schon irgendwie gut gehen da draußen. Aber kommt da noch irgendwas zurück? Kommunikation galore? Haben die Einsamsten die schönsten Lieder? Und die Fans, als Kunden traurige Könige ihrer Kaufentscheidung, vergnügen sich längst sprachlos woanders. Verfolge den Prozeß, Künstler!

Thomas Meinecke (Autor & Freiwillige Selbstkontrolle) verfaßte im letzten Jahr geistreiche Repliken gegen den Kosovo-Krieg und gegen Helmut Krausser auf der Internetseite null.de. Die war ein Projet des Dumont-Verlages und als literarisches Forum gedacht, das zeitweise aber zu einem gehobenen Tratsch- und Luftblasen-Treffpunkt verkam Hier delektierten sich u.a. auch Jung-Autoren wie Oswald, Naters, Franck oder von Uslar, die gemeinhin unter dem verkaufsträchitgen Label POP-Literaten vermarktet wurden und werden. Ein Begriff, dem fast alles an Pop fehlte und lediglich den ältlichen, grisgrämigen Jungs vom Feulliton und den auf komerziellen Erfolge angewiesenen Verlegern eine leicht handhabbare Definition von einigen schriftstellernden, gar nicht mehr so jungen Leuten, an die Hand zu geben. Hier ging es vordergründig gar nicht mehr um Literatur und Inhalte, sondern um Marketing. Als der bei der Kuttner-Premiere “Renegaten? Lei Feng” in der Berliner Volksbühne vor mir sitzende Stuckrad-Barre seinen roten First Aid-Koffer öffnete, purzelte tatsächlich zuerst die “BUNTE”, nicht aber die Berliner Seiten der FAZ heraus. Ihr eitles Dandytum signalisiert eher ein wimpeskes Verstecken in sich geistreich gebenden Gruppen, weil man allein als Individuum und Künstler nicht so gut rüber kommt und auch nicht allzu viel mitzuteilen hat. Bernd Begemann (“Ich bin nicht so Rock. Und es ist auch für die Gesundheit nicht so gut”) ist sei Jahren als integrer Dandy in sitlsicheren Anzügen unterwegs Was mich hier angähnt ist: Tristesse complete!

Ach, dann zieht der traurige Troß kajolierend eben weiter nach Weilheim auf der Suche nach dem neuen Kick, denn da schmecken die alten Gitarren wieder frischer und die Augen der Verstärker leuchten da scheinbar angenehm bunter. Aber wie halten das Bands wie Fink, Erdmöbel oder Geschmeido aus, die keine Lobbyisten in den Sendeanstalten und Music-Mags haben? Verzweifeln die still oder sind die zum Kotzen glücklich?

“Sie wurden vor die Wahl gestellt, Könige oder Kuriere zu sein. Nach Art der Kinder wollten sie alle Kuriere sein, deshalb gibt es lauter Kuriere. Und so jagen sie, weil es keine Könige gibt, durcheinander und rufen einander selbst ihre sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.”
(Franz Kafka)

Deutsch-Hop, die neue Mitte gar? Endlich bei sich selbst? All die Sprachverdreher, Wort-Witzler, Posse-Poeten, Akzent-Akrobaten, Silben-Speier, Dope-Dichter, Rhythmus-Rabauken, Flow-Flößer, Beat-Berechner, Satz-Setzer, Textverdichter, Alleswisser und Sätze-Sprecher gehen da schon anders in den Alltag als die alten Poeten. Sie besetzen einfach fast alle Sprachräume, Schulhöfe, Suppenküchen und sagen, was zu sagen ist, zumindest aus ihrer Sicht. Und erweitern auf hörbare Weise den Kiosk, in dem mit deutscher Popsprache gedealt wird.

“Heute war ein neues Gesicht dabei, wir unterhielten uns super
Das System gefiel mir mit seinen dunklen Haaren und grünen Augen auf Anhieb Nach einer Weile bot es an mich zu begleiten, gemeinsam marschierten wir zum Bahnhof
ich genoß die Nähe des Systems, zum Glück hatte das System strumfreie Bude
In seinem Zimmer fing es gleich an mich heftig zu küssen
während wir auf seinem Bett lagen und es mich zärtlich streichelte,
versicherte mir das System immer wieder, wie gern es mich habe
ich hatte mich immer vor dem Schmerz beim erstenmal gefürchtet
doch das System war so liebevoll, daß es gar nicht weh tat, als es in mich eindrang
An diesem Tag hatte mich das System gefickt” (Blumentopf)
Aber wir können auch anders!
Ein gewisser Freundeskreis verdient viel Geld mit dem berechenbaren Neu-Insistieren auf Che Guevara im Rahmen des überhitzten Cuba-Hypes, dem Hausieren mit dem Intifadatuch. Lassen dann aber in ihrem Video brav und patriacharlisch die Frau die Wäsche aufhängen (lang lebe die Kolchose!) Die hippieeske Pseudo-Peace-Schwaben-Kommune bittet den apokryphen Herrn Lindenberg zum Tanz und läßt sich auch gleich die Tour von einem amerikanischen Sportswear-Hersteller sponsorn. Wir fühlen uns heute so ein bißchen Reggae. Fuck the system - wenigstens ein bißchen!
“Fünf Sterne deluxe und die Rettung von Deutschland” - unter diesem Slogan schwadronieren die Hamburger Rap-Kiffer in einer phatten, ganzseitigen Anzeige: “Wir sind nicht die Führer einer neuen deutschen Kultur- oder Gesellschaftsrevolution, sondern wir denken, leben und erzählen davon. Wir fragen Euch: Schafft Ihr das auch? Hier sind wir am Ende unserer Möglichkeiten. Fünf Sterne deluxe können eine Anleitung für den Widerstand drucken lassen, lesen müßt Ihr den Zettel selber. Ändern durch Anderssein, Umformen durch Unförmigkeit, Bewegung durch Stillstand, hart durch weich und ruhig mal dem Vorgesetzten die Meinung sagen...” Huch, so fangen Revolutionen an und werden ungerechte Systeme aus den Angeln gehoben! Fuck the system - wenigstens ein bißchen! Nike und Lacoste helfen dabei als Sponsoren.

Und der Osten? Längst jenseits der öffentlichen Wahrnehmung und trotzdem machen die einfach immer weiter. Rammstein waren in abgeschiedener Klausur und ließen sich an der Ostsee zu diversen Balladen für ihr nächstes Album inspirieren. Der Ort ihres Schaffens verheißt nichts Gutes: Heiligen:damm! Sandow aufgelöst, Messer Banzani aufgegeben. Die Art feuert Gründungsmitglied Christoph Heinemann und sucht vermutlich in Leipzig die Aufnahme in den verzweifelt weiter tourenden Sachsen-Dreier: Electra, Stern Meißen & Lift oder in der denkfreien brotherhood mit den peinlichen Prinzen. Die Skeptiker sind inzwischen in besetzten Häusern angekommen und Freygang sollten mittlerweile jeden Dorfsaal kennen. Die anderen sind zurück und wollen im Frühjahr auf Tour sein. To Rococco Rot und Tarwarter erweitern ihre Weltsicht in Nordamerika und England und suchen nach immer neue Formen. Ex-AG Geige-Cherub Frank Bretschneider ist mit Olaf Bender und Carsten Nicolai in Chemnitz mit strenger elektronischer Rastermusik auf der Suche nach Erkenntnis und Befriedigung. Sie haben das Sing-Sing längst in den Steckdosen ihrer Leidenschaft atomisiert, als gäbe es nichts mehr zu sagen. Keimzeit nehmen schon Greatful Dead’sche Dimensionen an, durch ewiges Unterwegssein und die riesige Keim-Head-Gemeinde. Und ansonsten rockt das Mittelater den deutschen Osten, die lärmigen In Extremo, Tanzwut oder Subway To Sally ziehen marodierende Horden verquaster Jung-Männergangs unter ihren schwülstig-vergorenen Baldachin. Rammstein-Sänger Till Lindemann macht alles falsch und ist sich nicht zu schade, bei den senilen Puhdys mitzuröhren. Das ist nicht subversiv! Im Duett mit Dieter Birr gelingt der Rinnsteinschwalbe in “Wut will nicht sterben” der definitive Song für alle Ost-ABMler: “Meine Wut stirbt nie, du bist zum hassen geboren”. Das ist Bombast-Kitsch für die entrechteten Frohnaturen an den örtlichen Bushaltestellen und an Schlichtheit nicht zu übertreffen.

“Dennoch bleibt ein Stück Freizeit übrig. Was tun? Platten hören? Das war einmal eine Lösung, aber im Lauf der Jahre mußten Sie einsehen, daß Musik Sie von Mal zu Mal weniger berührt. Trotzdem haben Sie immer noch keine Lust zu sterben.” (Michel Houellebecq - “Ausweitung der Kampfzone”)
Ralley singen: “Ich red mit mir selbst”.

electric galenza

11/2000 ZONIC Greifswald, S.32