Vietnam
Fast neun Stunden zu Fuß durch Saigon. Und hier ist es richtig tropisch warm. Gegen 10 Uhr unten auf der Straße, nehmen starken Ca Phé und Fruit Shakes in unserer schmalen Gasse. Sofort stürzen sich unzählige Straßenhändler auf uns. Im Angebot sind Sonnenbrillen, Stadtpläne, Postkarten, Feilen, Schuhe, Filme usw. Eher anstrengend, es sind einfach zu viele. Lassen in einem kleinen Laden gegenüber die Paßfotos für unsere Kambodscha-Visa machen.
Leute gehen vorbei, manche bleiben stehen. Im Anschluß ins einstige French Quarter von Saigon. Vor der putzigen katholischen Kathedrale ein leichter Imbiß. Sonniger Blick auf die alte Hauptpost der Franzosen, entworfen von Gustave Eiffel. Drinnen eher bahnhofesk; ziemlich groß und weit für eine Post. Überall hängen interessante alte, koloniale Landkarten und der obligatorische Onkel Ho an warmen gelben Wänden. Über die breite Le Duan-Allee, an der sehr martialisch befestigen US-Botschaft vorbei, erkennen wir diverse sehr hohe Hotelbauten und zahlreiche neue Bausstellen. Saigon boomt und sie versuchen wohl gerade, Bangkok oder Peking nachzueifern. Keine gute Idee.
Um zum bedeutendsten Taoisten-Tempel zu gelangen müssen wir eine sehr breite, volle Doppelstraße queren. Irrwitziger Verkehr, aber wir überleben. In einer kleinen Seitenstraße ein Ort der Ruhe. Vor dem Tempel ein offenes, kleines Feuer. Da werfen die, die daran glauben, Papiergeld, Abbildungen von Autos und Häusern hinein, um ihren Ahnen mit dem Rauch Himmelspost zukommen zu lassen. Innen wieder die vielen Wächterfiguren, die 18armige Mutter der Drei-Gezeiten-Buddhas und ganz hinten der Chef – der Jadekaiser. Später einen wirklich übel riechenden Kanal entlang, über die tosende Khiem Bien-Straße. Wir wollen wir zum Fluß. Den sieht man aber gar nicht, statt dessen stinkende Lkws. Vorbei an einer plappernden Riesenschule samt kreischendem Kindergarten. Zur Stärkung kaufen wir ausgepreßten Zuckerrohrsaft. Landen über laute, stickige Straßen doch noch am Saigon River. Nur ein kurzes Stück Grün als Ufer, sonst alles verbaut. Dort gehen die überfüllten Fähren auf die andere Flußseite, wo aber außer ein paar alten Fabrikhallen und viel Grün nicht viel zu sein scheint. Am Ufer dümpeln ein paar einst weiße Restaurant-Schiffe. Dahinter der blaue Steg für die Expreßboote nach Vung Tau. Ziemlich platt, schleichen wir ins alte „Majestic“-Hotel gegenüber. Mit dem müden Lift hoch in die „Sky Breeze Bar“. Kühle Winde. Immerhin nahm hier schon Graham Greene seine Sun-Downer. Auf dieser Dachterrasse hat der englische Schriftsteller seinen Erfolgsroman „Der stille Amerikaner“ geschrieben. Eines der legendärsten Hotels Süd-Ost-Asiens. Vom Roof Garden herrliche Sicht auf das Treiben am Fluß, die Wolkenkratzer, Banktürme und obskur große, einsame Reklametafeln. Rechts Docks, Werften, Kräne. Auf dem breiten Strom viele Schiffe, Schlepper, Holzboote und kleine Kähne. Ein guter Platz. Warten bis der Tag sich legt.
Wieder unten ziehen wir die schicke Dong-Khoi-Straße entlang, die frühere Rue de Catinat. Sie war zu französischen Kolonialzeiten die Hauptachse der Stadt und während des Vietnam-Krieges Standort zahlreicher Bars und Bordelle, in denen sich US-Soldaten vergnügten. Heute ist hier das teuerste Viertel der Stadt, voller nobler Kunst- und internationaler Marken-Geschäfte und First Class-Hotels. Vom alten „Continental“ sind wir einigermaßen enttäuscht. Im ältesten Hotel Saigons von 1885 wurden diverse Szenen von „Der stille Amerikaner“ mit Michael Caine gedreht. Während ich bei einem verschrobenen, dürren Mann nach verblichenen Dong-Münzen stöbere, spricht uns ein kleines Mädchen an. Wir sollen ihr Trockenmilchpulver in einem Kaufhaus kaufen, das ist mit 360 000 Dong aber viel zu teuer. Weiter die Khoi hoch, an der übrig gebliebenen, putzigen Oper vorbei. Nach dem langen Rathaus der Franzosen, stehen wir plötzlich vorm alten „Rex“-Hotel. Im Vietnam-Krieg wurde es als Hochburg der Journalisten und ihrer weltweit gesendeten Reportagen bekannt. Die US-Army gab hier ihre Pressekonferenzen, heute sieht es einigermaßen unspektakulär aus. Aber es verfügt über eine weite Dachterrasse voller skurriler Putten und seltsamer Figuren samt guter Aussicht.
Sind inmitten der rush hour, eine Straße zu überqueren ist ein Risiko. Unzählbare Moped-, Rad- und Autofahrer brausen auf einen zu. Stehen bleiben sollte man allerdings nie. Die passen schon auf und schaffen es immer wieder, in letzter Sekunde um einen herum zu fahren. Bis auf den einen Bus, der mich Sekundenbruchteile später zermalmt hätte. Wäre ich nicht gesprungen. In der Grünanlage an der PNL viel Thai Chi und blaue Trainingsanzüge. Nachts eine späte Pho Gha, die leckere, dampfende Hühnersuppe, auf Kinderhockern. Kurz nach Mitternacht tauchen überraschend Polizei-Fahrzeuge auf. Die kleinen Straßenküchen räumen in ungesehender Eile alles blitzschnell von der Straße. Denn in Vietnam gilt immer noch eine Sperrstunde. Einen kleinen Jungen erwischt die Miliz. Kaum sind die Uniformierten weg, wird alles hurtig wieder aufgebaut. Alles macht weiter. Obwohl; nichts für immer ist.
© Ronald Galenza, Januar 2007