Indien

Die Kacke war am dampfen. Und kam uns den Mittelgang entgegen. Genau auf unsere Füße zu. 15 Stunden im Nachtzug von Neu Dehli, wozu der Inder Delli sagt, wurden dann doch noch anstrengend und authentisch. Wir erreichten eine der ältesten Städte der Erde: Varanasi. Früher hieß sie noch Kashi („das Licht“), wie sie auch heute noch von Millionen von Pilgern genannt wird. Der heutige Name Varanasi; (von den Engländern Benares genannt) leitet sich von den zwei Flüssen Varuna und Assi ab, zwischen deren Mündungen in den Ganges der alte Stadtkern liegt. Angekommen in der Stadt des Todes. Mark Twain beschrieb sie als zweimal so voll und dreimal so laut wie die Hölle.

Am nächsten Morgen gegen acht erwacht unser Wecker. Unter der lauen Dusche spül ich mir das Delli-Gift vom Leib. Draußen wird es gar nicht richtig hell, eher wolkengrau, dabei heißt diese Stadt doch auch „die Erleuchtete“. Eben die von Shiva gegründete Stadt des Lichts.
Unten im kühlen AC-Speisesaal wird’s anstrengend. Drei düstere Typen stellen sich eng um unseren Tisch und lesen uns das Angebot mehrfach in ihrem seltsamen Englisch vor. Sie bringen dann das übliche Langweilerzeug: Tost, Omelett, Marmelade. Der sogenannte Kaffee schlicht eine Provokation: eine Tasse lauwarme Milch, in die man sich ein Tütchen Nescafé träufeln konnte. Passend dazu fängt es draußen auch noch an, in den Pool zu weinen.
Mit einer Motor-Riksha durch ganz üble Luft ins Zentrum. Unterwegs vollständig eine verschleierte Muslima, in der Stadt Shivas verbreitet sie einen Hauch von Taliban. Dazu kommen der maßlose Dreck und diese entsetzlichen Abgasschwaden. In der Altstadt ist für Fahrzeuge ist kein Durchkommen mehr. Den letzten Rest laufen wir, durch eine knallbunte Einkaufstraße aus Geschäften, Kinos und voller farbenfroher Reklame. Wir wollen runter an die berühmten Ghats. Zuvor kaufen wir bei einem schmalen Jungen einige Postkarten, der ernennt sich gleich zu unserem selbsternannten Guide. Ich sag ihm aber rasch, daß wir allein sein wollen und er dampft beleidigt ab. Dann stehen wir endlich am Ganga - dem heilige Fluß der Hindus. Auch Fluß der Erlösung. Es ist sehr diesig, das Ufer gegenüber ist eine große, hellsandige Überschwemmungsfläche. Der Ganges auf der Höhe von Varanasi ist völlig verseucht. Der heilige Fluß als Brühe. Die Belastung durch Kolibakterien ist 2000 mal höher als in Indien erlaubt. In jedem Tropfen Wasser wimmelt es nur so von Cyaniden, Arsenen, Blei, Zink, Chrom und Quecksilber, von Exkrementen und Leichenresten, von Milliarden Cholera- und Typhusbazillen. Selbst Malaria erregende Moskitos brüten dort nicht mehr. Eine echte Sehenswürdigkeit. Wir landen am zentralen Dashashvamedh Ghat (dem „Zehn-Pferde-Opfer“-Ghat). Menschen über Menschen: Händler, Pulsmesser, Masseure, Kinder, Touristen, Schaulustige, Verkäufer, Betrüger, unzählige selbsternannte Fremdenführer, weißgekleidete Witwen, Scharlatane, Bootsführer, Sadus, Kühe, Ziegen. Wenn eine Kuh stirbt, wird sie in den Ganges geworfen, um sie den heiligen Göttern zurück zu geben. Ein beeindruckendes Schauspiel aus Lärm und Farben.

Laufen einige der 94 Ghats entlang, den hundertstufigen Steintreppen, die direkt in den Fluß hinab führen. Dort werden von den Pilgern die Waschungen nach vorgeschriebenem Ritus vollzogen. Überall halbnackte Männer, weniger Frauen. Alte, Junge, ganze Familien strömen zum Fluß, waschen ihre Kleider, waschen sich selbst in dieser Brühe, an dessen Ufer angeschwemmter Unrat hin- und herschaukelt. Die Menschen tauchen ein, waschen sich den Kopf, putzen Zähne und kostbarste Saris werden naß. Männer und Frauen waschen sich getrennt rein. Ganga als Lebensader und Schicksal. Aber das Wasser ist faul. Herrliche Blicke über die alten Paläste, das Gewirr aus Stufen, Müll und Gassen. Nach einiger Zeit erreichen wir das Manikarnika Ghat (Verbrennungsghat), das wichtigste Freiluft-Krematorium der Stadt. Varanasi ist für die Hindus das, was für die Moslems Mekka ist, oder für die Juden Jerusalem: Das Zentrum ihrer Religion. Die Stadt ist Shiva geweiht, dem Gott der Ekstase und der Zerstörung. Wer hier stirbt und im Ganges bestattet wird, durchbricht den quälenden Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt und erlangt sofort Moksha, also die endgültige Erlösung. Viele Inder kommen nur hierher, um zu sterben. So scheint sich das ganze Elend Indiens nun in dieser einen Stadt zu konzentrieren. Über allem liegt ein Schleier von Krankheit und Tod. Und vor uns Berge aus Holz vom Bodh Gaya -Baum und der Zeder. Das wird aus 900 Kilometern Entfernung hier her gebracht. Energisch werden wir von einem kurzen, kantigen, grün-gekleideten Mann aufgefordert: no foto, no foto! Gehen bis auf zwei Meter an einen brennenden Holzhaufen heran, man erkennt noch gut die mit Tüchern umwickelte Leiche. Verstörend. Drei bis vier Stunden kokeln die Leichen, ehe sie Mata Ganga, der „heilige Mutter Ganges“ übergeben werden. Eine Familie steht schweigend daneben, dicker, weißer Qualm steigt auf. Schon wird eine neue Leiche herbei geschafft. Sie wird aus Goldpapier ausgewickelt, Schnüre entfernt. Auch dieser schmale Körper, wahrscheinlich eine Frau, ist noch mit Tüchern umwickelt und wird auf einen anderen Holzhaufen gelegt. Zuerst wird der Kopf berührt, dann umrunden die Verbliebenen den toten Körper. Erst dann wird der Leichman entzündet. Sehr gewöhnungsbedürftig. Dazwischen alte, knorrige Männer, die schweres Holz auf dem Kopf balancieren und zum Spalten tragen. Das Holz kostet ein Vermögen, denn es geht um Seelenheil. Die eher arroganten Männer der Dhom-Kaste, der Leichenverbrenner, weisen arme Leute ohne Geld barsch ab. Viele sparen jahrelang.

Im Moment brennen fünf, sechs Leichen, am Nachmittag sollen es deutlich mehr sein. Für Nachschub an Toten ist jederzeit gesorgt, denn hinter den riesigen Holzbergen steht das Sterbespital. Dort haben die Todeskandidaten exat sieben Tage Zeit, aus dem Kreislauf des Lebens zu verschwinden. Wem das nicht gelingt, muß schmachvoll und geächtet wieder ausziehen. Unser grüner Mann wird inzwischen zum nervenden Problem. Als er uns ansprach, erklärte er, daß er hier arbeitet, kein Guide sei und no money, no money wolle. Aber nach wenigen Minuten geht’s schon los: er will Geld, damit für die Armen das Holz bezahlt werden könne. Was soll man sagen, wir löhnen, man will ja Gutes tun. Aber der gute Mann haut einfach nicht ab, er bleibt dicht an unserer Seite, auch als wir das bizarre Todes-Ghat längst verlassen haben. Inzwischen empfiehlt er mir bereits zum sechsten Mal irgendeinen tollen Silk-Shop, der todsicher seinen Verwandten gehört. Aber was interessiert uns Seide? Ruhen uns auf einer breiten Flußtreppe aus, schon radebrecht er von seiner großen Familie und seinem schweren Los. Wir wollen nix gezwungenermaßen zahlen, aber der dieser Typ nervt inzwischen so penetrant, daß wir zahlen, nur damit er endlich abhaut. Das weiß der natürlich auch. Nur wenig später rät uns ein weiser Inder in der Nähe, wir sollten an diesem Feuer-Ghat niemandem trauen, nichts glauben und schon gar kein Geld geben. Hätten wir den mal eher getroffen. Man fühlt sich einfach mies und benutzt. Die ganze anfängliche Freundlichkeit erscheint nur vorgetäuscht, um den Touris die Rupees aus den Taschen zu holen. Auch kein Vergleich zu den wirklich Verkrüppelten, Lepra-Kranken und Blinden, denen man sonst in den Staubstraßen so begegnet. Varanasi unterliegt nicht dem Zeitenlauf, denn Shiva lebt in ihr. Tod ist Erlösung, dem Kreislauf zu entkommen. Aber eigentlich strahlt der sagenhafte Ganges in diesem Ort auch sehr viel Magie und Gelassenheit aus, so als kümmerten ihn all diese Menschen nicht.

(c)  Ronald Galenza - 2008