God is a DJ?
(Ein Soundtrack – The World-Remix)
behaupten Faithless gut tanzbar. John Lennon, längst selbst gottgleiche Pop-Ikone, warnte aber schon 1971 “God is a concept, I don’t believe in Jesus”. Wer ist Gott und wenn ja, wieviele? fragt Nathan der Greise. Und welchen Beat hat er auf dem Teller, hat ja immerhin illustre Gäste da: Janis, Kurt, John, Freddy, den King, Sid, Bob, Buddy und Jeffrey Lee. Und Gott ist der letzte große Archivar, hat immerhin alle verfügbaren Töne, Klänge und Geräusche im Archiv.
Anfangs vermutete ich Gott in den südamerikanischen Trommeln der bärtigen Chilenen von Quilapayun, erschienen die mir doch wie wanderne Laien-Prediger und religiöse Hirten. Sie klöppelten ihren vielstimmigen Sound so voll inbrünstiger Trance hinaus in den Kalten Krieg. Jahre später, ich stand inzwischen selbst auf der payroll Gottes, musizierten wir gemeinsam: in einer Hugenotten-Kirche probte der Keyboarder Gottes Lieder und Motetten, auf meinem Walkman dröhnte gotteslästriger Punkrock und der Staubsauger summte seine ganz eigene Weise. Die Kollekte blinkte verführerisch; wir entlohnten unseren kleinen Hausmusikkreis angemessen. “I think god can explain” - Splender
“Wissen tut weh, Gott nicht und ‘33 war Adolf Hitler Gottes Sohn” (Blumfeld)
Die deutschen Jahre of Crux: 1914, 18, 33, 39, 45, 68, 89 - gigantische Archive voller Krach, Mysterien voller Glauben und Scheitern. Sieht Gott ALLES? Hört Gott alles? Ist Gott allwissend? Beherrscht er schon die neuen Speichermedien? Benutzt er Samples oder MP3? Hallo Info-Elite!
Uns weckte Flötenspiel. Mitten in Moldawien. Die Sonne wärmte unser billiges Zelt und von fern wehten deutsche Volksweisen herüber. In Jesus-Latschen (sic!) erkundeten wir die rumänischen Berge. Auf der Suche nach dem filigranen Flötisten, entdeckten wir einen alten, bärtigen Mann, der auf dem Boden einer kleinen Feldkirche lag. Tief versunken betrachtete er die gottvolle Deckenmalerei. Eine sehr runzlige Frau samt ihrer bestrumpfhosten Enkelin reichten uns frisch gemolkene Ziegenmilch. “Gott ist doof” provozierten Milch seinerzeit, aber ihnen wurde die Milch vor der Zeit und vor Gott sauer. Später, auf dem Weg ins Delta, lasen uns drei beleibte Nonnen auf. Freundlich schmetterten sie die ganze Fahrt lang euphorisch-religiöse Lieder. Bei Abschied wurden sie dann grob und drastisch. Wir zahlten bar in Flüchen.
Das Arkordeon sang leise. DerJahrhunderte alte Mann spielte nur zwei Melodien, immer wieder. Wir frömmelten. Palmengesäumt, unter einem azurblauen Baldachin, ruhte gelassen die sternenweiße Chiesa de Santa Maria. Im Dunkel der kleinen Kirche spendeten wir eine Kerze für die heilige Madonna die Navigatori. Kantige, wettergestählte Kerle kehren hier ein und werden ganz mild und bitten um Beistand. Denn die heilige Madonna in Chipiona ist die Beschützerin aller italiensichen Seefahrer. “God save un poor sinners” - The Jacobites. Das harte Stakkato der unzähligen Taubenflügel - war das schon Techno?
Die irische See weiß um viele Lieder von U 2, Van Morrison und den Pogues. Wir versuchten uns an ihrer Tages-Medizin: Guiness mit Portwein. Ihr Kompott, den Rotwein, schafften wir nicht mehr. Britische Pop-Parolen schmetternd, entjungferten wir einen neuen Golfplatz von blendenem Grün. Bei einem Stop in Limmerick, dem Headquarter der Cranberries, tat sch plötzlich der Himmel auf: gleißendes Licht und mäanderne tiefgraue Wolken verfluchten die Scheinheiligkeit Bono’s und bestärkten Dolores in ihren keltischen Depressionen. Wir gingen an Bord eines asthmatischen Fischkutters, Sherkin Island hielt endlosen Regen bereit. Der Atlantic schäumte, Rückfahrt unmöglich. Durchnäßt ergriff uns eine zeitlose Melancholie von Nick Cave’schem Ausmaß. Wir schwiegen stundenlang auf hohem Niveau. Zum Jahreswechsel, in einer pechschwarzen Nacht, fuhr, hoch über den Klippen von Loop Head, der große Wagen vor. Gottes Gesellen erflahen Nachschub: Paddys, Tullamore, Jameson. Wir rasten die Milchstraße entlang, uns erschien Van the man. “God knows that ‘m only trying to please me. Not for me, your idol worship and your games of greed” - Whipping Boy
Wir ruhten an den windschiefen Windmühlen unweit von Toledo. Wie einst Don Quichote erhob sich in der spanichen La Mancha ein singender Sandsturm, der wie Flamenco rückwärts klang. In den Stierkampfarenen von Ronda und Sevilla rochen wir das Blut der toten Stiere und vernahmen, bei Barte Hemingway’s, das röchelnde Gebrüll sterbender Tiere. In den erlöschenden Augen war keine Hoffnung mehr und ER half nicht. In Nerja, tafelten wir auf dem Balkon Europas, geblendet von einem ultramarinen Meer, als ein Mariachi erschien. Aus schwerem, schwarzen Leder gemeißelt, bärenstark und langmähnig, spürten wir, er war nie allein, er wußte um seinen Beistand. Das hatte Glam. Ob er in seinem edlen Koffer eine Guitarre oder ein Maschiengewehr mit sich trug, sollten wir nie erfahren. “When Jesus get a brand new name” - Wrong-Eyed Jesus!
In Tanger, dem marokkanischen Sünden-Babel Burroughs, schrien die struppigen Esel der Berber ihr unheiliges, herzzersägendes Lied in die Mittagshitze. Mit denen war kein Gott, nur ihr Hunger. War es gottlos, mit einer verbotenen Frau, ein durch religiösen Vorschriften nur Männern zugängliches Cafe zu betreten, das die Rolling Stones dereinst als ihre Drogen-Höhle genutzt hatten? Wir labten uns an Maroc-Whiskey -heißem Tee mit Minzeblättern- und einem guten Pfeifchen Pot. Eine seelentröstende Ud sang still. Auch auf dem Rückweg durch die stürmische Straße von Gibraltar, sorgte Gott für einen uncompilierbaren Soundtrack. Die See war rauh, deutlich vernahmen wir das Würgen und Röcheln der wenigen Mitreisenden, die angstgrün in die herumstehenden Papierkörbe spien. Die Maschinen jammerten wund, eine sehr alte Frau sang verzweifelte arabische Weisen dazu. “God moving over the face of the waters” - Moby
Schwermütig güßten die Berge am blinden Horizont. In den schottischen Highlands turnten Gnome und Elfen dürchs Gebüsch, seltsam behörnte Tiere kreuzten die Single Road Tracks. Zum breakfast hatten wir Milch im Whiskey. Kalte, klamme Gotteshäuser konnten uns nicht wärmen, düstere Schlösser hielten uns nicht auf, wir enterten die äußeren Hybriden. Das Meer war platt, die Wettergötter schliefen noch. Die blauweiße Schottenflagge knatterte selbstbewußt, die Schiffssirenen verhießen sicheren Anker. Die krummen Torfstecher gruben schweigend, der obligatorische Dudelsack weinte hinter einem Kriegerdenkmal. Im Pick-Up in den Dünen schmetterte der Teenage Fanclub seinen “Alcoholy day”. Unterm ewigen Leuchtturm summten wir zu Cheddar, Keksen und Malt ins torklige Tosen. Rasch gewannen wir an Bacon’scher Tiefe.
“Let them case your shadow, they can never catch your soul” - The Band of Holy Joy
Wie reist Gott? Ist er in billigen Teppichen unterwegs oder verkroch er sich in Second-Hand-Kühlschränken? Unser Schiff verließ Trapani in Richtung Tunis. Europa wurde immer kleiner, die Sonne gab ihr Bestes. Zwölf Stunden auf See. In einem flatternden Gewirr übermüdeter Stimmen aller Religionen hielten wir die Klappe und tranken Bier. In den Shuks von Tunis bot man uns marktschreierisch Posaunen, Geigen und Trommeln feil. Wir pfiffen drauf und lauschten dem Gesang des Muezzin. Uralte Moslems taten flink, ihr Gott fordert regelmäßigen Tribut. Sing. Sing. Unbeirrt schrien die rostigen Teekessel. Im ehrwürdigen Cafe Paris maulte eine Jukebox zeitlos gegen den Lärm der Stadt an. “Do you bring truth. Swear by God’s truth. Everything but the proof?” - Pop Will Eat Itself
Hoch oben, am Kraterrand des Vesuv, im Angesicht der dämonischen Kräfte, schwieg Gott endlich. Undendliche Stille senkte sich über den Golf von Neapel und die Ruinen Pompeijs. Flammendes Abendrot färbte die Ziegel und Pfade der Menschen, ehe hunterfaches Gehupe der ausschwärmenden Vespas und Mopeds die Nacht vertonte. Wir brachten Trankopfer. “O Lord, are you in need?” - Palace Brothers
In der Lybischen Wüste waren wir im Banne des Kalifen. Karges, geborstenes und endlos leeres Land, leblos scheinbar. Die schwerbewaffnete Eskorte auf siechen Militär-Krads begleitete die Busse der internationalen Touristen auf ihrem Weg durch den Staub. Keine Ahnung, was der Fahrer getankt hatte - Angst oder Wahnsinn. Mit einem Höllentempo kurvte er die engen, kurvigen Straßen durch Sandmeer; manche kommen nie zurück von so einer Passage. Zur scheinbaren Beruhigung dudelte der Malouf. Bei einem Stop an einer kuriosen Tankstelle sangen Abba und Oriental Pop aus erhangenen Lautsprechern gegen den horizontweiten Sand an. Im Roten Meer machten wir nicht den Toten Mann, denn dieses Meer war voller Blut im Namen der Religionen. Stahlungeheuer trommelten Sperrfeuer, jeder starb hier für seinen eigenen Gott. “Lord kill the pain”? - Red House Painters.
In Süd-Tirol, Östereich, entschloß Gott sich zu einem Gesamtkunstwerk. Er ließ alle 600 geputzen Sirenen gleichzeitig erklingen. Gott spielt vielfingrig Orgel mit den Ösies und gewährte ihnen einen alptraumartigen Eindruck vom Ende aller Zeit. Alle Blaskapellen und Kuhglocken verstummten, um dem allmächtigen Sirenen-Gesang zu lauschen. Wir knieten nieder, vor soviel Erhabenheit. “Pilot can the queer of god” - Flaming Lips
“Jesus is my girlfriend” - Babybird. Hat Gott Sex? Aber mit wem? Und verhütet ER? Welche Musik hört er dazu? Disco? Vielleicht ist er längst lesbisch und lechzt nur noch nach Frauen? Oder neigt er nach all den freudlosen Jahren zu Masturbation oder gar Enthaltsamkeit? Auf der verlassenen, winterlichen Nordseeinsel Schiermoonikoog bissen wir auf Sand, denn im Watt fängt die Norsee erst an. Das Watt war längst in uns, die Sonne brüllte lila, der feuchte Boden brannte Orange. Wir hatten Sex im Watt; die Gezeiten tobten und Gott beliebte zu zeichnen. Die Kondenzstreifen eiliger Flugzeuge malten Echsen und Fabelwesen in den Himmel. Der Wind predigte Weite und Unendlichkeit, hier schien die Freiheit tatsächlich grenzenlos zu sein. Wir verschwanden schwebend am Horizont. “God don’t hold a grudge” - Boy George
Winter in Africa. Sind in einem alten, weißen Mercedes im Auftrage der A. Hüster Machines Tool Ltd. unterwegs, Maschinenteile von Johannesburg nach North-Pretoria ausliefern. Vom zentralen Church-Square grüßt der alte Bure Krüger herüber. Im Autoradio geben sich die Ramones alle Mühe. Im Abend-Orange der Rückfahrt leuchten die bukligen Halden des Goldsandes. E’Goli, die Stadt des Goldes, badete in einem hundertjährigen, blutigen Goldrausch. Zurück im nächtlichen Hilbrow, lausche dem Summen des alten Harrisson-Reef Hotels, einem häßlichen, viereckigen Kasten. Eingetretene Türen, Brandlöcher in den Gardinen, lose Kabel, die Balkontür hinunter in die finstre Straßenschlucht ist nur mit einem alten Draht festgemacht. Hier wohnen fast nur Schwarze, einige Inder, Malayen und nur sehr wenige Bleichgesichter. Hilbrow ist der gefährlichste Distrikt in Johannesburg, nachts sollte man besser ohne Geld unld Kreditkarten umherstreunen. Vor jedem Kino, Hotel, Parkplatz patroullieren schwerbewaffnete Sherriffs, in den engen Straßen hupt und polizeisirent es. Weiße schenken kübelweise Tee aus, Betrunkene wühlen in den Mülltonnen und schwarze Straßenkids betteln an den Kreuzungen für die Drogen ihrer älteren Brüder. Welcher Gott hat hier gerade Dienst? Blind Idiot God? Elegischer Schlaf. Das Scheppern klangvoller Eimer einer imposanten Reinigungsdame vom Stamme der Xhosa reißt mich aus allen Träumen. Die Stadt beginnt mit dem Soundcheck für diesen Tag. Die Gegensätze geben sich kraß: strahlend erhebt sich der prahlerisch-protzige Glastempel der weltweit den Diamantenhandel beherrschenden Diamant Corporation Pyt. Ltd., ich kroch direkt gegenüber in eine finstre Voodoo- und Medizinmann-Höhle. Tote Tiere, Häute, Schädel, Kreuze, Totenköpfe, Knochen und unzählige von Kräutern hingen hier im Keller. Zu dem durchdringenden Schamanengesang schienen die schrulligen Weiber zu tanzen. Am Jan-Schmuts-Airport legte ich mich auf das bräunlichen Steppengras und über mich kam unendliche Ruhe. War’s gar der Heilige Geist? “I should learn to deal with you, all bow to you and praise the Lords for everything you won for us” - Robert Wyatt
Der Luna-Park lag wie ein verbrauchtes Omen am klammen Strand von Coney Island. Die Gischt zog dünne Fäden des Vergehenes, wir waren auf Gin. Ein malvenfarbiger Himmel begleitete uns bis Brighton Beach und plötzlich waren wir in Little Odessa.! In einem Delikatess-Geschäft hantierten drei Babuschkas auf Russisch mit Piroggen, Kapusta, Bortsch und Pelmeni. Am Strand joggten korpulente, ehemalige Sowjetbürger in bizarren Trainingsanzügen durch den Tag. Wir setzten uns zu den alten, orthodoxen Frauen mit ihren schwarzen Tüchern und Mänteln und lauschtem dem Gewirr ihrer Muttersprache bei Zwiebel und Brot. “God loves America” - The Swans
Plötzlich war der Tank leer, wir hingen in den waldigen Bergen über Famagusta fest. Wartend kauten wir den Schafskäse der griechischen Mönche, die in ihrem Kloster des Ayios Andreas das Ende der türkischen Besetzung des Nordens abwarteten. Man sieht ihnen die vielen Jahre an: stolze, gegerbte Gesichter mit grauen Bärten und wachen Augen. Sie retteten uns mit Benzin und Palmwein. Das einst stolze Famagusta lag welk am Meer, türkische Armeeposten kontrollierten barsch die Zugänge. In der Markthalle von Nikosia, neben einer zur Moschee umgebauten alten christiichen Kirche, schunkelten wir zu.... und Melonen. Das einst wuchtige Stadion verfiel, an der die Stadt zerreißenden Mauer langweilten sich einige, wenige UN-Posten aus Belgien. Wir schnorrten Zigaretten und sahen zu, daß wir Land gewannen. Wir setzten über nach La Valetta, dem alten Agenten-Nest. Glorreiche Festung gegen alles Unbill von außen. Unser Bootsführer zeigt uns die konspirativen Molen und versorgte uns mit Aquavit. Die steilen Gassen nahmen uns gefangen, in zwielichtigen Kaschemmen lauschten wir den Gerüchten der Meere. Von fern sangen die Glocken von Victoria in das Morgengrauen, wir halfen der Sonne, einen neuen Tag zu gebären. Auf Gozo zechten wir mir Odysseus, der hier irrlichternd an Land ging. “Oh Lord, things are gettin’ crazy up in here” - Taj Mahal
Wie berauscht sich Gott? War er je stoned? Alkohol, Tabletten, Drogen, Trips, Exzesse? Wie weit reicht göttlicher Kopfschmerz; mal die skandinavischen Satanisten fragen. Kotzen weltweit? Schwerer Kopf - schick ich doch mal ‘n reinigenden Hurrican. Apocalypse, now? “Accidents of God” - Lester Bangs & The Delinquents
Wütend leierte der Cabdriver die Trennscheibe runter und schnautze “don’t smoke!” in den Fond.Wir schauten uns verdutzt an, denn wir rauchten gar nicht. Wir stanken lediglich wie die Aschenbecher der letzten Nacht. Notting Hill-Carnival, London. Ich ging als Dubhead. Nach einigen Pfeifchen Ganja war klar, die Rastafari wollten hier Babylon burnen! Inder, Pakistani, Molukken, Schwarze, Chinesen und white-middle-class-kids hatten hallozinoges Herbs inhaliert und waren auf einem kolossalem Massentrip. Das Afro Celt Soundsystem rockte Africa in keltischen Umhängen, die Asian Dub Foundation holte zur dämonischen Generalabrechnung mit dem Schweine-System aus. Die Bubbler und DJ’s riefen den Schöpfer an. Laut war es, durchgeknallt, abgedreht und infernalisch bunt. War das die nahende Götterdämmerung? “Jah is mighty” grinste Bob Marley von fern.
“Jesus online” hämmern Bush auf ihrer jüngsten CD. Also ging ich diesmal vom Schreibtisch aus auf eine Reise in eine virtuelle, lautlose Welt voller merkwürdiger Entdeckungen. Als ich bei Jesus anklopfte - jesus.de - machte niemand auf, den Jesus akzeptiert nur JavaScript. Ich fühlte mich leer und verlassen und versuchte die Beichte online - www.beichte.de. Hier versprach mir die Startseite “Innere Einkehr am Computer” und Internet-Seelsorge. Als ich dort Zuspruch erhoffend auf AMEN klickte, erschien ein Button “Sündenbekenntnis”! Heiliger Strohsack! Erwarten die, das alle Menschen schlecht, sündig und gemein sind? Keine Begrüßung, nein, gehe über Sünde und zahle 4.000 Mark ein... Hier hatte ich nun zwei Optionen: “Herr, ich habe gesündigt!” oder “Eingabe löschen”. Wer bearbeitet die, stellen sie die gleich dem Papst durch oder bringen die Engel oder Tauben direkt in den Himmel. Ist Gott selbst verkabelt und mailt zurück? Ich war ratlos. Erkenntnis leuchtete am Ende der Seite: “Das Herz des Menschen erdenkt seinen Weg, aber der Herr lenkt seine Schritte”. Caramba!
Ich suchte weiter ratlos um Rat; für alle Haltlosen, Verwirrten und Suchenden hier eine kleine Auswahl an Trost, Salbung und Erkenntnis:
Harekrishna
Genesis-Programm (Das Judentum)
Zen-Buddhismus
Die Bibel
Der heilige Koran
Vatikan
Evangelische Kirche
Katholische Kirche
Aber halt! Der Stellvertreter hat’s auch nicht einfach. Gerade mußte der Vatikan den päpstlichen E-Mail-Briefkasten aus der Vatikan-Website wegen Überfüllung entfernen! Aber keine Bange, denn der Papst will sich weiter über die Entwicklung des Internet auf dem Laufenden halten, denn es interessiere ihn als “ein Medium, das bis jenseits der Grenzen der christlichen Geopraphie reicht.” (sic!)
Und wenn ihr gar nicht mehr weiter wißt, hier eine kleine Notiz aus einer Tagesseitung:
“Internet-Begräbnisse haben sich in Deutschland nicht durchgesetzt, sagt der verantwortliche Leiter der ‘Hall of memory’, Jürgen Schmidkowsk. Rund hunderttausend Schaulustige besuchen pro Monat die Internet-Gedenkstätte unter www.hall-of-memory.de! Diesen stünden jedoch seit dem Bestehen lediglich 200 Gedenkeintragungen gegenüber. Mehr als fünf virtuelle Leichen würden derzeit monatlich nicht beerdigt.” “Oh God, the pain that I’ve been going through raining in my heart, to my emotional rescue” - Brain Wilson
Suchet und ihr werdet finden. Höret und staunet. God bless you.
Ich gab mich als diabolischer Agnostiker, reiste als kuttengewandeter Scholastiker, war Delegierter des Nichts, hauste in den Abteien der Apocalypse, logierte in den Kathedralen der Kumpanei. War segensreicher Schmerzensmann, impermeabler Inquisator ohne Mandat oder gab mich als kosmogonischer Heilsbringer. Wurde verfolgt als Troubadour Allahs und buddhistischer Brahmane, diffamiert als geminierter Golem, gehetzt als karzinöses Karma, gejagt als askenischer Apologet. Ich bot Heilung und Erlösung feil, wärmte mich als zölibatärer Zampano des Zerwürfnisses an den spirituellen Feuern des Alkohols. Wurde gefeiert als Katechet der Katharsis und polygyner Prälat. Ich wollte über Wasser gehen, ewig leben und kam dem Ende sehr nah.
“God knows I’m restless and weak, full of piss and vinegar” - Smashing Pumpkins
Aus dem Beat wurde Getöse, aus dem Sound Lärm. EWIGER Lärm. Immer. Überall. Zeitgleich. Gott ist vielleicht längst taub und seine Lieblingsplatte eine Oblate. Hermeneutik, Baby!
r. galenza 01.11.1999