China – Ganbei – Trockne das Glas!

 

Was bitte, kann man heute noch über China schreiben? Scheinbar ist ja alles gesagt. Ebenso wahr wie unwahr. So läuft das immer. Seit Marco Polo zurück ist. Was ist offizielle Geschichtsschreibung aus der Sicht des Westens? Was wird jedem Besucher „sein“ China? Wann was wieso und warum? Jeder kennt die alten Filme. Kaiser, Große Mauer, Mongolen, die Opium Kriege und all das. Die frühen Patente. Selbst Kaiser-Deutschland machte eine Kolonie klar, dazu aber später. Das war Anno. Später holten die Deutschen dort nicht German Pilsner, sonder Ruder-Gold. Mao samt Kulturrevolution, Millionen Hungertote, Hysterie im Westen. Gegenspieler Chiang Kai Shek, Militärdiktator der Kuomintang während der Zeit der chinesischen Bürgerkriege, sowie Präsident der Republik China in Taiwan. Das Patenkind der CIA. Taiwan und anderer Wahn. Tiernamen, Falun Gong, Unfreiheit, Dissidenten, das Internet ganz unnett. Marktwirtschaft samt Münchner Magnetrasereien plus Kommunismus! Na all das eben. Millionen Landarbeiter unterwegs, Fortschritt, Todesstrafe, Giftgase in den Städten, Olympische Spiele, gestörte Fackeleien. Inzwischen, Germany keck überholt, Export-Weltmeister. Billig-Paradies, Kinderarbeit. Dürren samt Hungersnöten. Technologie Vorsprung, Shanghai Weltausstellung 2010. Die Han-Chinesen. Die Tibet-Frage. Der Dalai Lama. Die Kupferminen. Diese Unfreiheiten.

 

Klischees & Wahrheiten galore. Kann man alles kriegen hier, jeder nach seiner Fasson oder Beschränkung. Ist alles drin, für alle etwas dabei. Und ich red hier nicht von Macau und Hongkong, wo wir davor marodierten. 1,3 Milliarden Menschen bekommt niemand mehr unter seinen Hut. Noch ein Klischee, selbst erlebt. Zum Flugplatz Shanghai-Pudong ging es ziemlich hurtig. Die versuchen ja sowieso gerade, Hongkong zu überholen. Das haben wir gleich ausprobiert. In german Technologie. Hier rast der einzige gebaute Transrapid über frische Stelzen. Bei 433 km/h drehten sich draußen die Räder der Autos andersherum. Bei diesem Tempo starten normalerweise große Flugzeuge. Uns wurde nicht mal schlecht.

 

Auf der Fahrt zur Großen Mauer. In einem Kleinbus schaukeln wir an einen noch ganz unsanierten Teil der great wall, weit nördlich der Hauptstadt. In einem kleinen Straßendorf steigt eine ziemlich alte Frau im Blaumann zu. Ich denke noch, schön, nimmt er die Alte mit bis ins nächste Dorf, hier funktionieren die alten Strukturen noch. Aber nee, plötzlich grummelt die Faltige: alle aussteigen! Sie ist unser Guide für die verschlungen Wege der steilen Berge.

 

Aufbruch aus Beijing. Südlich vom Himmlischen. Fragen die ebenso mittelhübschen wie auskunftsfreudigen jungen Mädchen des Hostels nach dem Bus zum Südbahnhof der Hauptstadt. Okay, fühlten uns sicher, Digga. Also rein in die Kombüse der streßresistenten Schaffner. Die Busse in Peking sind in aller Regel knüppelvoll, die Conduktoren behalten aber stoisch alle Übersicht. Kost auch nicht viel, sollen ja alle mit. Da wo wir sollen raus. Hübsch hier, nur weit und breit nicht mal die Ahnung von einem Bahnhof. Fläche weit und breit, ganz unbegleist. Wir geraten leise in Hektik, soviel Zeit ist nicht mehr. Und nun, liebe Mitreisende, muß ich das allererste und einzige mal in my life den Lonley Planet loben. Denn da steht tatsächlich hinter allen wichtigen Sehenswürdigkeiten, Zielen und Reisemöglichkeiten in (Klammern) die chinesische Übersetzung! Frag mal am Arsch von Peking, wo der Süd-Bahnhof haust. Wir also an irgendeinen Stand, der da stand. Die winken so ganz weit in die Ferne, also irgendwo dahinten am Horizont. Jetzt wurde selbst ick uffjeregt. Das erschien irgendwie ziemlich weit und unerreichbar. Wir hatten Tickets und Deadlines. Wandern also hurtig los unter kompletter Ausrüstung. Keine Kennung. Da stoppt vor uns ganz plötzlich ein Holzschrank. Das ist nun auch wieder China, wie wunderbar. Der Mann mit der Holzkiste auf seinem dreibeinigen Moped muß unsere panischen Blicke erkannt haben. Er zeigt und winkt hier und dorthin, wir sollen einfach einsteigen. Er war unsere letzte Hoffnung, also was solls. Als beide Rucksäcke im Sperrholz waren, war die Kiste voll. Schöne Reise, Gepäck. Ich dacht, meine schöne, gertenschlanke Frau würde eventuell auch noch reinpassen. Aber da machte der dicke Fahrer Zeichen, also keine Fisematenten. Warum ich auch noch rein gelangte hab ich nie verstanden und längst vergessen. Innen war es dunkel und eng. Es gab nur einen schmalen Sehschlitz. Und keine Luft. Er gab Gummi, über eine neue Brücke ging es wohl. Dann stoppte unser Husar vor einem uniformierten Posten. Auch in China bereinigen sie längst die Innenstädte wie in Hamburg. Hier ziehen sie das in Peking und Shanghai hart durch. Unser guter Mann durfte sich nicht näher als 500 Meter dem eleganten, glitzerndem Süd-Bahnhof nähern. Den hatten sie extra für die Olympischen Spiele 2008 ganz neu erfunden. Wir dankten begeistert und reichten angemessen Geld. Der gute Mann hat uns für zehn Yuan gerettet. Wir nahmen die Beine in die Hand. Wir hatten wohl noch wenige Minuten.

 

In China geht man nicht einfach auf die entsprechende Plattform und steigt in den Zug. So läuft das hier nicht. Ähnlich wie am „Platz des Himmlischen Friedens“, der seinen Namen heute zu Recht führt, gibt es überall aufwendige Sicherheits-Checks. Auf den blutenden Platz kommt man über jeden Eingang nur noch, wenn man sich selbst und alles Gepäck durchleuchten läßt. Die pullern sich da inzwischen ein vor Angst. Auf allen Bahnhöfen muß man ebenso durch die strengen Security-Checks. Dann geht es über wirre Umwege und Treppen zum vermutlich richtigen Bahnsteig, aber nie direkt. Nun sahen die Uniformen des Süd-Bahnhofs da aber zwei verschwitzt Langnasen mit vollem Gepäck anpesen und kannten alle Abfahrzeiten. Und oh Wunder, die guten Leute dort haben uns einfach durch alle Sperenzien durch gewunken. Wir sprangen in die erste offene Tür eines High-Tech-Trains, der hoffentlich der richtige wäre. Hinter uns hydraulikte sich sofort die Türe zu. Wir waren drin. In was auch immer. So erreichten wir Tsing Tao am Gelben Meer.

 

Ein Taxifahrer in Quing Dao, Ex-Tsing Tao, Ex-German Colony, glühte richtig auf und grüßte uns ganz begeistert mit „Hail Hitlere!!“ Die Dinge passieren. So wurde die hölzerne Seebrücke in Tsing Tao streng nach dem Vorbild der Usedomer in Kühlungsborn errichtet. Auch der Leuchtturm ruht altdeutsch im Gelben Meer. Wir wurden dolle müde von all diesem Unsinn und zogen uns ins Deutsche Gefängnis zurück. Das gab es immerhin auch noch. Heuer allerdings als mittelgutes, nicht ganz unbilliges Hotel umgestaltet. Kein Charme, auch kein Phone, das uns irgendwie sinnvoll nach außen hilfe. Was war das für ein Ort? 1878 wurde die weite Bucht von Tsing Tao von der Kaiserlichen Deutschen Marine besetzt. Da die Portugiesen und Briten schon stark im aufstrebenden China-Geschäft waren, wollte das Reich hier unbedingt auch eine eigene Kolonie. Zur Sicherung von Ruhe und Ordnung wurden flugs zwei Kirchen, ein Gefängnis, das Rathaus und eine backsteinerne Bierbrauerei errichtet. Das Bier aus der Tsing Tao-Brauerei ist heute ein Exportschlager der Chinesen. Es sieht heute noch aus Schwäbisch Hall oder die Dresdner Elbhänge. Unglaublich, in der Innenstadt eine katholisches und eine lutherisches Gotteshaus von deutscher Fügung. Die Berliner Straße kreuzt die Friedrichstraße. Die heißen wirklich noch so, heute halt auf chinesisch. Reichsgebiet, vom Chinesen konsequent überformt. Im Rahmen der Olympische Sommerspiele 2008 fanden vor Qingdao die olympischen Segel-Regatten statt.

 

Wieder später: Allein, also zwei Langnasen, in einem chinesischem Long-Train unterwegs. Alle sehnen sich nach Globalisierung, wir  nur nach Authenzität vor Ort. Besser ging das hier nicht. Wir waren die Fremden. Zu groß, zu seltsam. Bestaunt, bekichert, ganz unbefragt. Wir waren nur Gäste. Bei Großfamilien, Kleinfamilien, Kindern, Liebespaaren, Rentnern, Veteranen, Karten-Zockern, Würfel-Spielern, Trinkern, Rauchern, und starken Trinkern und starken Rauchern.


Irgendetwas derbes zerrte an meinen Füßen herum. Ich gab nicht viel drauf. Denn ich schlief endlich sanft gerüttelt. Wir hingen schon 14 Stunden in diesem Zug ab. Hatten Milliarden schöne Reisfelder beobachtet, Wasserbüffel und beeindruckende giftige Chemiefabriken. Zogen über Brücken und ungekannte Flüsse dahin. Es gab Reis, Pearl River Bier vom Bahnsteig, Aussichten. Wie herrlich Zugfahren sein kann! Wir waren die einzigen Weißen in diesem Waggon, zwischen den anderen tausend. Man mußte sein Ticket gleich beim Einstieg bei der zuständigen Deschurnaja, also der Waggon-Verantwortlichen, abgeben. Gepafft wurde zwischen den Hängern. Dort wurde es zur Nacht hin immer lauter, besoffener und verqualmter. Legten in Wuhan ab, dort sind die Brücken mindestens zwei Kilometer lang, denn der Yangste ist dauernd voll. 17 Waggons, 470 Meter Buntstahl aus Schienen.

Unsere Metalliegen waren ganz weit oben und in der Mitte. Aber wir machten uns keine Sorgen, denn unser Zug würde ja in Guilin enden. So hätten wir genug Zeit in Ruhe auszusteigen, im Morgentau. Zur Sicherheit hatten wir alle Klamotten anbehalten. Säcke, Schuhe, Fotokram noch mal extra irgendwo sicher verknotet. Falls es abhanden kommen wollte. Ich träumte wohl von Chinas Schönheit, als es mittlerweile deftig an mir rüttelte und schüttelte. Knurrig warf ich einen Blick aufs schattige Geschehen. Selten so einen entsetzten Blick gesehen. Da sah mich nackte Angst an. Nachdem die wahrlich engagierte Wagenfrau mich wohl das eine oder andere mal zart gerüttelt hatte, wurde es plötzlich ernst. Wir hatten genau eine Minute Zeit, aus dem Zug zu verduften. Eine schlichte Minute für alle die angebunden Schuhe, Taschen, Säcke, Fotozeug. Irgendwo ruhten noch Socken und Zigaretten. Plötzlich waren alle wach. Sorry. Die warmherzige Frau war schwer in Panik, denn sie trug die Verantwortung für uns. Sie sah irgendwie ziemlich fertig aus. Sonst wären wir kurz vor der vietnamesischen Grenze angelandet. Die eine Minute war okay für uns. Punkt sechs Uhr standen wir nachtblind und hellwach auf dem menschenleeren Bahnhof von Guilin. Klasse-Kommando Aktion! In Socken, aber glücklich. Der Zug einfach ein paar hundert Kilometer weiter bis Nanning.

 

Enden wird das alles in Sanya auf Hainan, der neuen jungen Sowjet-Republik. Schon im Flugzeug hört man viel russisch. Alle Läden und Geschäfte sind chinesisch und russisch beschrieben. Über einem sonnigen Palmenhain trohnt in stolzen roten Lettern: CCCP! An der Strandpromenade russische Kneipen, in denen des nachts schwere, traurige russische Weisen gegeben werden. Natürlich gibt es eine reiche Auswahl russischer Nationalgerichte. Selbst einheimische Chinesen sprechen uns sofort auf russisch an. Sehen wir wirklich so aus? Sibirien ist nicht weit und Sanya der neue Top Spot für die auf welchen Wegen auch immer reich gewordenen Russen. Die Han-Chinesen fotographieren sich derweil gegenseitig in ihren grellbunten Hawai-Anzügen. Schon verwirrend

lustig hier. Trockne das Glas!

 

© Ronald Galenza 2009