AFRICAN LETTERS

I. Jenseits in Africa

Freitag

Es ist Freitagabend, nach 22 Uhr und ich stehe in einem alten Haus in englischem Kolonialstil am offenen Fenster mit Blick auf das nächtliche Durban, South-Africa. Hinter den Hochhäusern tost der Indische Ozean. Dem hab ich vorhin Guten Tag gesagt, aber er hat mir nur seine salzige Hand hingestreckt. Ich sitze auf einem himmelblau-weiß gestreiften, aber viel zu kurzem Bett bei einem Sun-Downer, wie man hier zum letzten Schlummertrunk sagt. Unter meinem Fenster rekeln sich die Kakteen und Palmen in den dunklen Winterhimmel. Es sind die unzähligen Kleinigkeiten, die einem hier so auffallen: die Kinder, das Licht, die einzelnen Gesichter, die Gewürze, das Bunte, die Pflanzen und und und. Der Himmel ist fast rosa und die Lampen gelb. Das Benzin stinkt und das Wasser gibt sich chlorig.

Vorhin, auf der Golden Mile-Strandpromenade, haben zwei kleine, schwarze Mädchen, so um die zwei, drei Jahre alt, zusammen getanzt und gesungen. Es war so köstlich. Einige Surfer turnten auf den herein kommenden Flut-Wellen herum, aber die holen sich bestimmt noch die Haie (wirklich schon zwei Tote diese Saison!). Morgen gehen wir auf den Indischen Markt (hier leben sehr viele Inder samt ihren Moscheen) Ab 18 Uhr ist's dann sowieso stockfinster, wir gehen früh schlafen. Ich hab heute das erste Mal Afrika gesehen und betreten. Ich hab das erste Mal den Indischen Ozean berührt.

Samstag

Gute neun Stunden geschlafen, 8 Uhr Frühstück: englisches breakfast mit viel zu dünnem Kaffee. Aber ein gutes Gespräch mit der Grandma über die Wahlen und die Besorgnisse der Weißen... Und dann die Märkte! Ein flatterndes Gemisch aus Anpreisen, Feilschen, Geschnatter, Pfeifen und Hupen. Alle Früchte ganz ordentlich aufgestapelt und viel, viel Nippes, Ramsch und rasantes, überfülltes Chaos. Ab 25 sind mehr oder weniger alle schwarzen Frauen ziemlich dick und balancieren ihr Gepäck sicher auf dem Haupt (Klischees? nun, ist aber wirklich so).

Und dann endlich raus aus Durban, in südliche Richtung an den Indischen Ozean. Ich kann es nicht beschreiben, es ist einfach zu groß! Grandiose Buchten mit unzähligen riesigen Wellen. Blau, gelb, grün ... zwischen Palmen und Kakteen. Ich kann ja noch Mais und Gerste unterscheiden, aber was hier alles wächst und teilweise blüht, ist ungesehen. Kaum am Strand haben wir sofort acht bis zehn Haie gesehen, in ca. 100 Metern Entfernung kreuzten sie im Wasser. Es ist lächerlich, wirklich genau wie im Film: zuerst sieht man nur vage die spitzen Flossen und dann die dunklen, gefährlichen Körper. Waren später trotzdem baden und der Ozean hat auf mich eingetrommelt; nein gepaukt! Es war wie früher als Kind, diese Ohnmacht gegen die Urkraft des Wassers. Irrsinn. Respekt und Schönheit. Danach sonnen, lesen, dämmern.

Es ist so unfaßbar schön! Jetzt ist es abends, ich hab gerade hier in unserem Quartier Schweden gegen Bulgarien, das Spiel um Platz Drei bei der Fußball-WM gesehen. Am Frühabend hatte ich einen erregten Disput mit drei Zulus, die als Rikscha-Fahrer posierten. Ich wollte ihre Gefährte fotografieren, worauf sie sich sofort in ihre Nationaltracht hüllten, um so auch mit aufs Foto zu kommen. Nach einigen eifrigen Posen wollten sie plötzlich aber auch einigermaßen viel Geld haben. War nicht so schön, hab ihnen aber natürlich was gegeben. All die bettelnden Kinder und Souvenirs verkaufenden Frauen kann ich sowieso nicht adäquat beschreiben.

Sonntag

Völlig gerädert! 700 Kilometer im Auto durch Steppen, Savannen und Gebirge der Transkei , einem Homeland. Und dann noch Verlängerung und Elfmeterschießen im WM-Finale. Aber Brasilien isses ja nun endlich. Jetzt ist es Nacht, wir sind inzwischen in East-London.

Blue Monday

Draußen zieht gerade der gelbe Mond auf, der hier immer auf dem Rücken liegt. Mit dem unterhalte ich mich manchmal. So neigt sich ein ganz wundervoller Tag seinem Ende entgegen. Von denen man im Leben gar nicht allzuviele hat.

Wir sind heute morgen, nach Toast und Jam mit Blick aufs Meer und dem Hoteleigenen Boule-Ground, von East London aus aufgebrochen. East London ist ein netter, belangloser, weiß-getünchter Urlaubsort, der wohl erst im hiesigen Sommer zu richtigem Leben erwacht. Ursprünglich wollten wir über Port Elisabeth weiter in den Tsitsikama Nationalpark, was aber wieder ca. 500 Kilometer im Auto bedeutet hätte. Darauf hatte aber wirklich niemand Lust. So passierten wir die Ciskei (ehemaliger unabhängiger Staat, seit 1992 wieder zu Süd-Afrika gehörend, genau wie die gestern durchquerte Transkei). Sehr, sehr arme Landstriche übrigens, wo die Xhosa (Ureinwohner) und Zulus leben. Mit solch netten Orten und Weilern wie Berlin, Hamburg, Potsdam oder Braunschweig, mitten in South Africa von deutschen Siedlern gegründet. An einer unwahrscheinlich schönen, abgeschiedenen Bucht kurz vor Port Alfred Halt gemacht.

Es gibt so wundervolle Orte auf dieser Erde, kaum auszuhalten. Ich sitze ungefähr 80 Meter vom Indischen Wasser entfernt, die Flut böllert gerade herein und ich warte aufs Dinner. Hier ist nichts weiter, als dieses Haus, der Ozean, endlose Sandstrände mit bizarren Dünen, Himmel, Weite, Wind und Natur. Es sind keine Menschen hier, außer einigen Schwarzen, die das Haus bewirtschaften. Wir waren baden, es ist so, so salzig und rauh, man kann vor Wellenwucht und Strömungen gar nicht stehen. Ich hab dann einfach unterm knallblauen Himmel in der Sonne gelegen, mich fallen gelassen und geträumt. Ich war ganz leer.

Nachmittags kam dann aus heiterem Himmel ein rasanter Sandsturm auf, wir mußten hastig fliehen. Thea geriet sogar in Panik, sie glaubte, sie würde zugeweht und verschüttet. Die Dünen fingen an zu wandern, man konnte kaum die Augen öffnen. Abends, vorm Sonnenuntergang (hier ja schon gegen halb sechs) war ich noch zwei wundervolle Stunden allein am Ozean wandern. Hab Muscheln gesammelt und eine müde Krabbe gefangen. Es tat so gut, in der Dämmerung da draußen allein mit dem Meer zu sein. Jetzt ist es duster. Morgen wollen wir noch hierbleiben, weil es einfach so schön ist, nur rumzuhängen, richitg Urlaub eben, hier in Mpekweni Sun, Marine Resort.

Dienstag

Es sollte ein ganz stiller, ruhiger Tag werden, am Ende wurde es aber doch wieder anstrengend. Lange geschlafen, bis halb elf, kein Frühstück. Dann rumgebummelt, etwas gelesen. Gegen 13 Uhr sind wir los zu einem kleinen Strand-Spaziergang (sollte in einer halben Stunde Entfernung eine kleine Pinte geben). Wieder betörend schöne Muscheln gesammelt, glänzendes Perlmutt. Hatten nachher einen ganzen Leinensack voller famoser Muscheln, die liegen da einfach zu Hunderten im Sand herum. Überall nach der Flut, dazu auch viele Korallen und unbekanntes Meerzeug. Als nach drei Stunden Marsch immer noch nichts zu sehen war, außer bizarr geformten Sand- und Wanderdünen (wie in der Wüste), haben wir feststellen müssen, daß wir die unendliche Weite dieses Landes nicht nur mit dem Auto erleben, sondern nun auch per Huf. Thea war ziemlich sauer, half aber gar nix, wir mußten die ganze Strecke wieder zurück, was am Ende einigermaßen weh tat. Es war schon dunkel, die Muscheln wurden immer schwerer und der Ozean toste ohn Unterlaß. Aber schön wars doch. Schon ewig nicht mehr so lange gelaufen, dazu immer am Meer entlang, ohne je irgendeinem Menschen zu begegnen.. Beim Sonnenuntergang war dann auch noch ganz verzaubertes Licht: das Wasser glänzte perlmuttfarben und am Himmel gab es von Blau über Orange bis ins Gelb leuchtende Schichten und Bahnen. Der Mond zog langsam auf und ich hab mir von Klaus das Kreuz des Südens am Firmament zeigen lassen (kann man nur auf dieser Erdhalbkugel sehen). Ach so, einen kleinen, toten Hai haben wir auch am Ufer gefunden - schon komisch ungewohnt.

Back from the dinner. Mit Livingstone, dem schwarzen Barmann, über die Änderungen seit dem Ende der Apartheid debattiert. Er ist sehr froh, obwohl der Unterschied zwischen arm und reich, zwischen erster und dritter Welt, doch weiter bestehen bleibt, aber er fühlt sich nun besser, freier. Sagen wollt ich noch, daß dies mein 4. Tag ohne Zigaretten ist. Im Hier-Her-Flugzeug hatte ich gräßliche, beängstigende Herzschmerzen, ich hoffe, ich halte diesmal durch. In Zypern, nach Silverster, waren es schon mal 23 Tage ohne Qualm.

Mittwoch

Es ist kurz nach Sieben, komme vom Strand. Wollte unbedingt den Sonnenaufgang erleben. Ist schon faszinierend, morgens so ganz allein und gottverlassen in den buckligen Sanddünen am Meer. Wir brechen jetzt auf in Richtung Port Elisabeth, wieder fast 400 Kilometer Straßen. Hab ich schon erwähnt, daß von der Fläche her die BRD, Frankreich, Italien und Luxemburg in Süd-Afrika reinpassen? Es sind wirklich immense, beeindruckende Entfernungen!


II: Jenseits in Eden

Es ist tatsächlich unfaßbar. 400 Kilometer weiter auf der Garden Route, immernoch mittwochs. Ich sitze wieder 50 Meter vorm Indischen Ozean auf der Terrasse einer Blockhütte und linkerhand brechen sich an einem Felsenriff zehn Meter hohe Brecher! Ein Tosen und Gurgeln. Links oben über dichten, dunklen Bäumen leuchtet der nun fast kugelrunde Mond, direkt über uns das Kreuz des Südens. Murmeltiere huschen längsseits. Wind geht. Die Kerze auf dem blanken Holztisch bildet kuriose Wachsformen und flattert durch die Weinflasche. Wir trinken meist "Graca", ein trockner Wein aus der Kap Provinz. Übrigens haben die fliehenden, französischen Hugenotten den Weinanbau mit ins südliche Afrika gebracht.

Sowas wie hier hab ich noch nie gesehen: Die Küste ist hier stark zerklüftet und voller tafelförmiger Felsen gegen die das Meer wütend schäumt. Unbekannte Vögel pfeifen und fiepen, an den Klippen und Felsen im Rücken rankelt sich ein urwaldartiger Wald mit Lianen, Hängewurzeln und obskuren Gewächsen hoch. Hier gibt es rote Bäume und an den Felswänden blühen weiße Kalla-Pflanzen. Der Ozean schäumt und gischtet unablässig weiter. Ich komm mir vor wie Hemingway auf Cuba. Ich bin ein haltloser, labiler, schwacher Mensch! Neben mir liegen das Zippo-Feuerzeug und eine Papier-Packung Camel, lights. Nach fünf zigarettenfreien Tagen rauch ich wieder. Und es ist ziemlich geil! The Cliffs, the sea and the smoke. Was solls. Es ist jetzt 19.45 Uhr, alles dunkel und finster und trotzdem sind wir schon vollkommen platt und müde. Irgendwie dominiert hier ein ganz anderer Rhythmus (wo man mit muß). In Berlin wär ich noch endlos lange wach, aber andererseits ist man hier dafür schon ganz früh wieder wach. Ungewohnt. Hab übrigens gerade einen Pullover und zwei Jacken an, ist ziemlich frisch hier.

Donnerstag

Schwerer Himmel. Schwere See.

Wieder vor Sieben aufgestanden, aber die Sonne zog hinter einem dicken Felsen auf. Das Meer schäumt unablässig weiter. Bin früh mit Klaus los, wollten zu einer Höhle und einem Wasserfall wandern. Was aber auf der Karte des Tsisikamma National Park drei Kilometer Luftlinie darstellt, entpuppte sich als acht Kilometer reines Bergsteigen und Felskletterei. Immer an der Küste entlang, galt es diverse Vorsprünge und Nasen zu umsteigen. War wirklich anstrengend, aber sehr, sehr schön. Zwischendurch immer wieder Kakteenbäume, Nußbäume und Hibiskus und jede Menge Gewächs, das wir nicht kennen. Links permanent diese riesigen Wellenbrecher dazu. Nach gut vier Stunden dann zurück und ein Nachmittag zwischen Whiskey und Marmelade. Hab auf dem Bett gelegen, gute Musik im Walkman gehört (die Flowerpornoes). Abends haben wir dann vor der Hütte gegrillt: Lamm, Kudu-Fleisch (Antilopenartiges Getier) und seltsam schlabbrige Wurst. War der erste Tag, an dem der Himmel nicht knallblau, sondern durchgängig grau war, samt Regen.

Freitag

Wieder ein Tag. 500 Kilometer auf Asphalt unterwegs. Es ist alles so endlos hier. Schaut man auf die Karte, scheint es gar nicht so weit - ist es aber. Bin gleich früh mit Klaus zu einer nahegelegenen, furchterregenden Hängebrücke über den Storm-River gewandert, wieder durch einen dieser fremdartigen Wälder. Haben gute Fotos gemacht, sehr wild, sehr roughly. Die Brücke wackelt ziemlich stark hoch über den hereintosenden Wellen. Aber Sonne und Blau.

Mit dem Auto anschließend durchs Nature Valley beim Bloukraan's River, exotische, riesige Bäume und Pflanzen, weiter nach Knysna, einer der Hauptattraktionen am südlichen Kap. Das ist eine Lagunen-Stadt am Meer. Unterwegs Ziegeleien, Sägewerke, lila, gelbe Sträucher und eine Straußen-Farm. In Knysna zur Lagune, sieht aus wie eine monumentale Fluß-Mündung mit Hausbooten und Mississippi-Dampfern. Haben bei "John Benn" gerastet. Klaus und Thea hatten Austern, hab ich zum ersten Mal probiert (sehr glitschig und salzig). Dazu natürlich Champagner. Sehr mondän! Hielten noch vor einem Crawft & Gift Store, der Mann hatte gleich raus, daß wir aus Germany kommen. Er war als Soldat in Deutschland stationiert, danach aber als Mechanic-Engineer in Kuwait, Bahrain, Oman und ist dann bei einem Süd-Afrika-Urlaub gleich unten geblieben. Jetzt druckt er, nach diversen Tankstellen-Jobs, afrikanische Tücher mit Tier und Folklore-Motiven. Hab eins gekauft. Auf einem Markt gab es dann noch beeindruckende Nilpferde, Giraffen und Affen aus Holz. Klaus wollte sich einen fetten Elefanten als Sitzmöbel kaufen, der erwies sich aber einfach als zu schwer.

Unterwegs immer wieder begeisternde Meeresbuchten der Mossel Baai, Wilderness und Cape Istaane. Haben in Hartenbos überlegt, Station zu machen. Es fand sich aber lediglich ein reines Feriendorf europäischen Formats. Nur eingekauft. Sind weiter auf der N 2 Richtung Swellendam mit einem göttlichen, faszinierenden Sonnenuntergang, der alles in tiefes Rot tauchte. Der Himmel wurde lila-orange, die Berge davor pechschwarz. Die Wolken schienen zu glühen. Hinter Swellendam weiter die R 319 nach Bredasdorp. Rechts dieser feurige Sonnenuntergang und links der fette, sattgelbe Kugelmond. Sind im Dunkeln noch weiter bis Arniston, einem alten, weißem Fischerdorf direkt am Ozean.

Und da sitz ich jetzt. Haben ein Fishermen Cottage genommen, eigentlich haben hier 16 Leute drin Platz. Das ist ganz weiß, zweistöckig und schilfgedeckt mit Wänden aus blanken, wuchtigen Feldsteinen. Macht immer wieder Spaß, in fremden Häusern rumzulaufen. Haben am offenen Kaminfeuer geabendbrotet. Die anderen schlafen schon, es ist so gegen halb zehn. Sitze im Oberdeck mit offener Balkontür und Blick aufs schwarzgraue Meer. Es ist ziemlich kühl, weiß gar nicht, ob wir nochmal baden gehen können. Morgen fahren wir an die absolute und tatsächliche Süd-Spitze Afrikas, nach Cape L'Agulhas. Hier prallen der Indische und Atlantische Ozean direkt aufeinander.

Samstag

Wieder ganz fürh hoch. Eine halbe Stunde auf den Klippen vor Arniston gesessen und der dicken, gelben Sonne geholfen, einen neuen Tags ans Licht zu bringen. Gerade geduscht, unten duftet es schon nach Kaffee.


Ich hab in sovielen Zelten, Waggons und Massenbetten und Bushaltestellen geschlafen, man kann das hier richtig genießen.

The Marine Hotel, Hermanus


In Berlin minus ein Grad, in Cottbus minus zwei, nachts leichter Schneefall ...

Ich höre eine alte Sendung von mir auf Kassette, die letzte auf Rockradio B. Draußen vorm Fenster schleppt sich eine wunderbar trostlose Samstagsnachmittags-Regen-Stimmung vorbei. Sind in Hermanus, noch 100 Kilometer vor Cape Town, gestandet und wollten ursprünglich Whale Watching betreiben (nach Walen Ausschau halten). Denn in dieser riesigen, weiten Bucht tauchen von Mai bis September oft über 50 Wale mit ihren Kälbern auf. Aber denen ist es wohl auch zu naß, die bleiben lieber unter Wasser. Aber wir hoffen noch, denn lebende Wale sind nun mal sehr selten in natura zu sehen.

Sind im "The Marine", dem ältesten Hotel am Platz, abgestiegen. Ich bin auf Rotwein. Aus dem Walkman tuckert herrlich mutlose irische Musik und es regnet und regnet, der Atlantik wird gleich überlaufen. Ich hab mir den alten Sekretär vor's regenblinde Fenster gerückt und blicke auf englischen Rasen, eine alte Bank, Kakteen, Kieswege und the Atlantic Sea.

Waren vorhin in der Bucht noch beim Malayen futtern, direkt unten an der aufgebrachten See. Sind heute sowieso wieder durch viele Kitsch-Postkarten-Landschaften gefahren. Früh von Arniston los (so benannt übrigens nach einem 1816 dort gestrandeten Schiff) über einen Feldweg, vorbei an großen, staunenden Straußen und dicken, braunen Büffelrindern nach Agulhas und dem Kap Agulhas, dem absolut südlichsten Punkt des Kontinents. Danach kommt nichts mehr, nur noch Wasser, Wasser. Der Indische hat jetzt noch 16 Grad, der Atlanitk nur 12 Grad und nach 6.130 Kilometern lauert dann der eisige Südpol. Am southernmost point of Africa wohnt natürlich auch ein dicker, alter, rot-weißer Leuchturm. Es war sehr stürmisch, haben viel fotografiert.

Sind dann unter wuchtig-schwarzen Bergen über endlos grüne Felder mit knorrigen Bäumen und tausenden Telegrafenmasten auf der R 326 weiter nach Hermanus. Unterwegs noch in einem Schwarzen-Dorf im Liqueur-Store auf dem Dorfplatz Alk gekauft. Thea ist sicherheitshalber gleich im Auto sitzen geblieben.

In Hermanus residiert, laut Reiseführer, "the old money"! Viele schicke, weiße Meerhäuser. Auch das "Marine" ist so ein alter Kasten aus britisch-afrikanischen Stilen: goldener, künstlicher Kamin, Porzellanhündchen, Jugendstil-Plüsch, pompöse, alte Leuchter, viele Schlachten- und Tierbilder. An der Bar bedient ein strenger, traditionsbewußter Schwarzer, der sehr stolz wirkt. In der Lounge lümmeln verschrobene, rosa Plüsch-Sessel. Und es regnet erbarmungslos weiter. The summer is almost gone, winter in Africa.

Sonntag

Ein wunderschön entspannter Tag, ein mellow, lazy sunday. Bei grauem Nieselwetter vom Marine in Hermanus aufgebrochen, via Sumerset West, einer langgestreckten Bucht voller Strand und See, Richtung Kapstadt. Sind eine gewundenen Küstenstraße runter zum Kap gefahren. Über Muzienburg, wo die alten Briten sich von ihren verrußten Industriestädten erholt haben, über Simons Town, einer industriellen Ansiedlung mit Militärstüzpunkt, die erst 1957 von der British Roayl Navy an Südafrika übergeben. Hier waren wir an einem granitfelsigen Strandabschnitt, wo eine Pinguin-Kolonie haust. Die sind außerordentlich klein, aber ebenso lustig. Danach weiter über die steil ansteigende Coast Road in die National Cape Research Area. Die haben in das gesamte Kap-Gebiet zum Glück keine klotzigen Hotels gebaut, sondern alles als National-Park geschützt. Hier findet sich eine zerklüftete, karge Felslandschaft ohne Bäume, aber mit vielen gelben und teilweise blühenden Sträuchern.

Dieser Sonntag war dafür voller Tiere (in Afrikaans, der Amtssprache neben Englisch: loslopende Diere!) Jede Menge Affen, eine Pavian-Art, lungerten auf der Straße herum und lugten auch in die Autos, ob sie etwas gebrauchen konnten. Kurz vorm Kap grasten drei freilebende Strauße im Gebüsch herum. Und dann endlich, endlich, nach über 2500 Kilometern Autofahrt, The Cape of Good Hope!!!

Es ist wahrlich erhebend, hier nun endlich am Kap der Guten Hoffnung zu stehen, an einem Ort, den man eigentlich nur von großen, fernen Landkarten oder aus der Weltliteratur (Jules Verne, Sir Francis Drake) kennt. Das ist ein dreinasiger Fels, an dem sich die Wellen schäumend brechen. Überboten wird dies aber noch vom Cape Point, dem etwas südlicher gelegenen Lighthouse (Leuchtturm), denn dieser Felsen ist viel höher und wilder. Nach links erblickt man die wuchtigen Berge über der False Bay und das sieht aus wie Australien. Etwas östlicher scheinen die gigantischen, weiter entfernten Küstenfelsen wie Süd-Amerika herüber und direkt vor einem liegt eben das Ende vom afrikanischen Kontinent! Übrigens ist es nur ein immer wiederholter Mythos, das dies der Punkt sei, where the oceans meets (wie auch die ersten Portugiesen um Vasco da Gama glaubten). Denn das ist tatsächlich Kap L'Agulhas. Trotzdem ist dies hier eine der imposantesten Landschaften, die ich je sah (obwohl ich ja weiß, daß dies überhaupt kein Maßstab ist, ich hab nur mein eigenes, kleines Leben). Es ist wirklich atemverschlagend, so daß einem fast die Augen überlaufen. So daß man sie von Zeit zu Zeit einfach schließen muß. Es ist so gigantisch, so groß und zeitlos, was sind wir dagegen?

Sind danach weiter auf dieser irrsinnig schönen Küstenstraße (soll eine der drei schönsten der Welt sein, neben denen der San Fransico Bay und in Rio de Janero) Richtung Cheapman's Peak Drive, durch Kommetje hin zur Hout Bay. Die liegt an Felshängen knapp 15 Kilometer vor Kapstadt. Und da sitz ich jetzt, zehn Meter überm Atlantic in einer Ozeanette mit Blick aufs grollende Meer und scharfkantige Felsen. Es ist sehr, sehr frisch hier, aber sehr schön. Waren abends im Fischerei-Hafen, auf dem Mariners Wharf Boat essen (vegetarisch). Regnet jetzt doll. Morgen früh reiten wir dann nach Kapstadt hinein.

Manic Monday

Rest in Peace. Kapstadt voraus! Sind von unserer schmucken Oceanette gleich direkt zum Tafelberg gefahren. Der ist das Wahrzeichen von Cape Town; ein 1087 Meter hoher, oben vollkommen platter Sandstein-Felsen von beträchtlichen Ausmaßen, der die ganze Stadt dominiert und von dem man einen unendlichen Blick über die gesamte Stadt, die False Bay, den Lion's Head (Berg), Robben Island (die berüchtigte Gefängnis-Insel, auf der Nelson Mandela über 25 Jahre inhaftiert war) und den riesigen, vielfarbig schillernden Ozean hat. Da fährt man mit dem Cable Car, einer Drahtseilbahn, 700 Meter steil nach oben. Ganz oben waren allerdings dicke, graue Wolken und es war arschkalt (vier Grad). Japaner waren auch ganz viele da, ein telefonierte sogar mit Handy in der Seilbahn-Kabine!

Anschließend down town, hinein ins Zentrum zwischen die Wolkenkratzer und alten Kolonialhäuser, hinein in die langen Straßenschluchten, so stell ich mir ungefähr die großen US-Städte vor. Haben auf dem Greenmarket Square, einem großen Flohmarkt, herum gestöbert, danach Bummel-Sightseeing. Klaus war dann störrisch, er wollte sich unbedingt das südafrikanische Parlamentsgebäude von innen ansehen. Nach diversen Telefonaten der Parlaments-Wachen durften wir das dann schließlich auch! Sehr interessant. Zwei schwarze ANC-Leute haben uns im gesamten Haus herumgeführt, das im alten Teil ganz in britischer Parlaments-Tradition (House of Lords) eingerichtet ist. Endlose Ahnen- und Politikerbilder, Premiers und Wichtigtuern unter alten, langen, weißen Perücken (kein Schwarzer!). Ich hab gefragt, ob die Schwarzen auch schon vor Mandelas Amtsantritt da rein durften. Nie, sie wären sofort verhaftet worden! Muß schon seltsam für sie gewesen sein, da einzuziehen. Butrulesie spricht auch da nur seine Zulu-Sprache! Sehr konsequent.

Sind anschließend noch durchs Viertel der Malayen geschlendert, da sieht es wieder völlig anders aus. Sehr bunte Häuser und einige Moscheen, von denen man auch die Muslime hört. Andere Leute da und andere Speisen. Hab Salmooas gekostet, in Teig gebackenes Gemüse und Fleisch.

Zum Dinner sind wir an die sogenannte Waterfront gefahren, den alten Hafen von Cape Town. Da fand man vor kurzem nur schwere Jungs und leichte Mädchen. Mittlerweile wurde aber viel renoviert und neugebaut, viele kleine Läden, Kneipen, Cafes. Saßen vor alten Schiffen auf Quay 4 am Victoria Becken, haben Windhoeck-Lager probiert, den Möwen zugeschaut und Karten geschrieben. Abend, nach fünf, wird es ziemlich kühl, waren wir also bei Feryman's Brewerie essen. Ich hatte "Peri Peri Chicken", wirklich atemberaubend. Meint extrem scharf. Und auch hier merkt man eben wieder den Unterschied, wenn man ein Whitey ist und die acht Quadratzentimeter Plastik besitzt, eine Kreditkarte. Das hilft schon.

Wollten danach noch auf einen Sun-Downer ins legendäre "Mount Nelson Hotel", eines der traditionsreichsten von ganz Afrika, wo sämtliche Staatschefs, Tycoons und Promis absteigen. Das ist aber derzeit wegen Renovierung geschlossen. Unterwegs an den Straßenkreuzungen wieder diese bettelnden, kleinen Jungs, die dich mit großen, weiten, traurigen Augen durch die Scheibe anschauen (und ihre Almosen doch gleich bei den großen Brüdern abliefern müssen).

Meet me on Thuesday

Another hazy day on our lazy way. Winter in Afrika meint in der gemäßigten Klimazone in der Kap-Provinz meist Regen. Ich liebe ja Regen, aber der ist einfach unaufhörlich. Seit Tagen in Pullovern und Jacken, forderte der hier auch permanent Basecaps heraus. So langsam wird's uns kalt (Im Oranje-Freistaat sorgte sogar ungewohnter Schnee für komplettes Chaos). Wahrlich ein trüber, nasser Tag heute. Sind von der Hout Bay nach Cape City aufgebrochen. Ganz früh, gegen halb Sieben zwei Delphine, ein Paar, wie der dicke deutsche Vermieter später erklären sollte, beobachtet. Schwere, tiefe Wolken, höchstens hundert Meter hoch, über dem scheinbar verzauberten, afrikanischen Märchenwald, durch den wir getuckert sind: Faune, Feen und Fabelwesen everywhere. Zwischenstop im riesigen Botanischen Garten von Kapstadt. Über 8800 Pflanzen wohnen hier, wir waren aber fast nur bei den beeindruckenden Protea-Gärten (das ist die südafrikanische Nationalpflanze, von der es mindesten 150 Sorten und Arten geben soll) Ich hab einige Samen gekauft, mal sehen, ob die sich in Europa überhaupt raustrauen. Der Botanische Garten ist aber nu wirklich was ganz anderes, als die in Berlin oder Kopenhagen, viele seltsame, unbekannte und beeindruckende Züchtungen Gottes.

Grauschleier über der Stadt. Sind anschließend weiter in das fünfzig Kilometer entfernte Stellenbosch. Dies ist die zweitälteste Stadt in South-Africa, eine bekannte Universitätsstadt, in der fast alle hiesigen Präsidenten und Premiers studiert haben und natürlich auch Weinstadt. Lange Fahrt durch hügelige Weinberge. Steelnbosch ist vollkommen weiß, alles diese typischen kap-hollänischen Bauten. Die Hugenotten und Holländer haben ja den Weinanbau hierher mitgebracht (um 1652). Waren im Oom Samie, einem alten Dorfladen aus dem 19 Jahrhundert mit allem möglichen Krimskrams und in der benachbarten Weinhandlung. Klaus hat sich nach den Lieferbedingungen nach Deutschland erkundigt.

Backwards noch zwei Weingüter angefahren: Nederburg, zu touristisch, allerdings mit phantastischer Baumallee, und Zerenwacht, sehr freundlich und bemüht bei der Weinverkostung. Auf der Rückfahrt nach Capetown an einem der schlimmsten Schwarzen-Ghettos vorbeigekommen, von dem noch 1993 schlimme Ausschreitungen und Unruhen ausgingen. Unvorstellbar marode, verfallene und armseelige Bretter- und Wellblechhütten, wirklich berührend bitter.

Downtown Kapstadt. Schlafen die letzte Nacht in dieser angenehmen Metropole in einem ehemaligen Gefängnis, der "Breakwater Lodge". Dieser Ex-Knast wurde komplett zu einer engen Hotelschachtel umgebaut. Innen aber eher langweilig, bis auf die noch erhaltenen Gefängnisgänge. Abends also neblig-trüber Abschied von Kapstadt auf dem Quay 4. Zuviel gegessen, in den Hafenanlagen rumgestromert. Schweres Licht, schweres Herz. Zuviel Melancholie. Eine langer Weg die südafrikanische Ost- Und Westküste entlang, neigt sich dem Ende zu. Unendlich viele Eindrücke und Erfahrungen, unwiederbringliche Erlebnisse. Peace in heaven! Morgen fliegen wir nach Johannesburg.
 

III: The Colour of Black

Donnerstag

Hocke in Jo'burg neben einem wuchtigen Ölradiator, nachts wird es hier ziemlich frisch, sechs Grad und manchmal weniger. Haben heute gehört, daß in Deutschland immernoch über 30 Grad glühen. Tagsüber begnügen wir uns mit 18 bis 20 Grädchen, in der Sonne ist es aber angenehm. Hatten heute seit längerem mal wieder einen klaren, blauen Himmel.

Sind gestern nachmittag bei dickem Nebel und etwas Sonne aus Kapstadt in die Stadt des Goldes gejettet, immerhin die Entfernung Berlin-Moskau (1700 KM). Leider keinen Fensterplatz erwischt, aber lange im Irving geschmöckert und viel geschmunzelt. Beim Warten aufs Gepäck wurde dann plötzlich ganz überraschend zweimal mein Name samt unverständlichem Spruch Flugfeldweit ausgerufen. Ungläubiges Staunen, hat ich auch noch nie. War dann einigermaßen irritiert an der Information und beim SAA-Stand, aber die wußten von nix. Seltsame Situation.

Heute morgen, nach langem Grübeln über Feuersbrünste, Atomschläge, Todesfälle und Einbrüche in Deutschland, fiel es mir dann schlagartig ein: ich hab den Irving und 'nen "Spiege"l im Flugzeug liegen gelassen. Mist! Ärgerlich! Doof! Waren vorhin derowegen nochmal extra am Flughafen, die haben da auch jede Menge Bücher gefunden, bloß meins nicht. Hm. Nach dem Sonnenuntergang am Flughafen gestern abend zum Holiday Inn, weil ich da pennen sollte, aber deutlich zu teuer. Bin dann mit zum Haus von Adolf, einem Südafrika-Deutschen, dreißigjährig und natürlich blond. Der war aber gar nicht da, konnte also hier schlafen, sehr ruhig. Das Anwesen liegt in einer typischen Weißen-Siedlung in einem Außenbezirk von Jo'burg an einem See. Waren noch beim Italiener, wo junge Buren (meist Studenten) bedienen und fünf Schwarze in einer Art Käfig-Küche in der Raummitte Pizza & Paste zubereiten. Abstrus. Auf dem Rückweg den Mond angestaunt, denn der hängt satt gelb falsch herum wie ein Müllsack am schwarzen Himmel. Sieht aus wie ein überreifer Kürbis voller Heimweh.

Heute morgen spät gefrühstückelt. Mußten auf ein verfügbares Auto der A. Hüster Machines Tool Ltd. warten, bei der Klaus ein Vierteljahr gejobbt hat. Haben uns auf der Terrasse mit Blick auf den See und allerlei exotische Vögel gesonnt. Mittags dann endlich los mit einem uralten, weißen Mercedes nach Pretoria, der Hauptstadt fünfzig Kilometer nördlich über Jo'burg. Hier sieht nun wieder alles anders aus. E'Goli ist industrieller, zersiedelter, urbaner, nicht so leicht und entspannt wie Cape Town. Außerdem findet man hier derzeit überhaupt kein Grün, alle ist verbrannt rot bis braun, mit diversen Abstufungen. Neben viel Industrie, sieht man riesige Flächen von verdorrtem Mais und verbrannter, schwarzer Erde. Haben unterwegs viele Feuer gesehen, die brennen alles runter.

War eben draußen am dunkel-blauen Pool, hat hier im Prinzip jeder Weiße, rauchen. Der Mond, das Weichei, ist noch nicht aufgezogen. Hab uns zuvor irgend'son Hackfleisch-Pilz-Zeug aus dem HYPER-Markt gebruzelt. Sensationell, viel, viel größer als unsere Kaufhallen, allein 60 !!! Kassen und Kilometer von Regalen und Truhen. Der Herd ist famos, unser hier heißt "Kelvinator", ein riesiges, breites, altes Ding mit Spiral-Heizplatten, dicken Knöpfen und schrulligen physikalischen Anzeigen. Unterwegs hatten wir schon mal einen, der nannte sich "Monarch", ist das nicht köstlich? Würd ich am liebsten mitnehmen. 20.50 Uhr, satt und müde. Sitze in 'meinem' Zimmer auf der Erde, lausche meiner Lieblings-Cassette, die Korrosion meiner Seele schreitet unaufhaltsam voran, morbider Kultur-Pessimismus... Zuviel Text. "Ich bin all die Jahre unterwegs zu einem unbekannten Ziel" sagt Phillippe Djian. Aber Quatsch, ich fühl gut.

Als erstes erschaut man die monumentale Universität von Pretoria, die sich breit und lang an ein Felsplateau schmiegt (weltweit die Uni mit den meisten Fernstudenten: 105 000). Danach Skyscrapper und dichtes Häusermeer. Mußten durch die ganze Stadt nach North-Pretoria, weil Klaus zwei Liferungen von Maschinenteilen erledigen mußte. Im Anschluß zum zentralen Church Square, ein wahrlich imponierender Platz, der mich irgendwie an Argentinien denken ließ. In der Mitte ein trockenes Rasenrondell mit Krüger-Denkmal, rings monumentale, wuchtige Bauten aus dem vorigen Jahrhundert. Sehr weit, sehr hell, sehr groß. Später zum Eindruck machenden Parlamentsgebäude, das sich ocker gegen einen Hang ausbreitet und vor dem die Amteinführung von Nelson Mandela vor hunderttausenden Menschen stattfand.

Im Abend-Orange sind wir noch zum Vortrekker-Monument hochgefahren, das mit seiner monumentalen, steinernen Wucht an das Leipziger Völkerschlacht-Denkmal erinnert. Die Vortrekker waren die von Pioniergeist beseelten Buren, die, als ihnen die Kap-Provinz zu klein wurde, nach Norden, ins Landesinnere aufgebrochen sind, um unter harten Bedingungen neues Land zu erschließen. Heute gelten sie als gefeierte Pionier-Besiedler Süd-Afrikas, was sich durch diverse Straßen und Denkmäler manifestiert. Von diesem Berg hat man nochmal einen herrlich, weiten Blick auf das im Tal und 500 Meter tiefer als Johannesburg gelegene Pretoria. Danach also zum "Jan Schmuts"-Airport und Schuhe kaufen, in einem riesigen Schuh-Discounter in Bloksport mit unendlich vielen Schuhen in ALLEN Größen! Hab mich für hellbraune Kudu-Bush-Shoes entschieden. Drive away home. Mittlerweile ist es gleich zehn, ich leg mich nieder.

Sonnabend

Morrissey angelsächselt: "Now my heart is full. I just can't explain it..."

Ich aber. Sitze in der wärmenden Nachmittagssonne auf einer verbrannten, trockenen, abfallenden Wiese mit Blick auf die kantigen Rocks der Drakensberge, deren weitläufig-wuchtigen Gipfel schneebedeckt sind.

Sind gestern, Freitag-Mittag, in Johannesburg losgefahren. Zuvor noch in eine Apteek (Apotheke), denn ursprünglich wollten wir ja nach Swaziland, einem völlig eigenständigen Schwarzenkönigreich mitten in Süd-Afrika, nach Osten fahren. Da muß man allerdings Malaria-Vorsorge treffen, da dort die gierigen, durstigen Moskitos lauern. Wasser sollte man dort ebenfalls nicht ungekocht benutzen. Die Malaria-Tabletten hätten wir schon eine Woche vorher einwerfen müssen, womit Swaziland leider ausfallen mußte. Sind dann kurz entschlossen südlich auf der N 3 Richtung Drakensberge aufgebrochen, wieder über 400 Kilometer in der Blechkiste unterwegs. Haben den Oranje-Freestaat durchquert, 1835 von den Buren auf der Flucht vor den kolonialen Briten mitten in Süd-Afrika ausgerufen. Seinerzeit zog die große Vortrekker-Bewegung hier durch, hier stehen besonders viele Denkmale herum. Man fährt stundenlang nur durch gelb-braune, platte Landschaften, endlose ungeerntete Mais-Plantagen, Weizenfelder und Grassteppen. Dazwischen vereinzelte Lehmhütten oder kleine Siedlungen mit bizarr bunt bemalten Hütten. Dies ist die Kornkammer des Landes, war aber auch eine der Hochburgen der Apartheid! Abends wieder durch einen dieser unendlich scheinenden Sonnenuntergänge gefahren. Alles, die Felder, Steppen und Berge, erglühen in einem intensiven Orange. Das dauert stundenlang und die Wolken bilden obskure Formationen aus.

Haben im stockfinstren Winterston noch rasch eingekauft und dort am Straßenrand ein beeindruckendes Bild erlebt. Ein tiefschwarzer Bauer stand mit einem frisch geköpften Huhn neben einem von innen brennenden und glühenden Baumstumpf. Gespenstisch! Unterwegs drei schwarze Frauen beobachtet, die zu dritt ein endlos langes Reisigbündel auf den Köpfen trugen. Untergekommen sind wir schließlich im "The Nest", einer kleinen Hotelanlage mit vielen Roundanetts (afrikanische Rundhütten, den Kral's der Schwarzen nachempfunden). Die Anlage leitet ein ältere Österreicher, der schon seit 32 Jahren hier lebt. Abends Dinner, zuviel Wein und heftige Diskussionen. Das erste Mal betrunken in Afrika!. Noch endlos lange unter einem glasklaren, überquellendem Sternenhimmel herum getapst. Die komplette Milchstraße war aufgezogen, halluzinatorische Vögel schmetterten Fische's Nachtgesang!

Heute Urlaub: nur in der Sonne rumsitzen, lesen, schreiben... Nachts ist's hier grimmig kalt, im Pullover geschlafen. Hinter den Rocks, auf die ich hier unablässig schaue, liegt das autonome Königreich Lesotho. Das ist eine faszinierende Bergwelt, kein Dorf unter tausend Meter Höhe, die oberen über 3000 Meter hoch gelegen. Da wollen wir morgen hin. Ich leß jetzt in meinem wortprallen Ersatz-Buch "Key West" von Thomas Sanchez weiter. Da findet man solch wundervollen Weisheiten wie: "Wer seine Frau nicht ehrt, entehrt sich selber".

Stunden später. Am pechschwarzen Himmel gebärdet sich die voll versammelte Milchstraße, Millionen Kannen voller Sternenmilch. Sterne ohne Ende, so klar und hell. Es ist kurz vor neun, wir sind vollendet müde und kaputt. Obsolet. Im Dinning Room hottet jetzt der Candle Light Dinner Dance mit den anwesenden Gästen. Ich aber leg mich nieder. Das erste Mal so etwas wie Heimweh.

Dieser Tag hatte ja noch einen lustvollen, eigenwilligen Ausklang. Die Weißen spielen jeden Samstag-Nachmittag hier ihr geliebtes Bowls, dem französischen Boule verwandt. Sie haben dafür spezielle Greens, die Bowls Area's mit einer komplizierten und geheimen Rasenmischung plus Wasserung und Walzen. Sie nennen es, einen guten Turf haben. Alte und ältere Männer und Frauen, besser Damen, alle vollständig in Weiß gekleidet samt mondäner Hüte mit dem farbigen Band ihres Teams, legen die viel größeren, gemusterten Holzkugeln um den weißen Spielball. Ein grotesker Anblick! "The Nest" ist eine der bekanntesten Spielstätten in Süd-Afrika, denn sie verfügen hier über gleich drei Greens und haben pro Jahr 800 Mannschaften mit 12 000 Bowlsgästen hier. Nachdem wir ihnen erklärt hatten, daß wir zu hause auch regelmäßig das Bowls pflegen, durften wir dann in Socken!!! auf den heiligen Boden und spielen (der Abendhorizont orangerot). Die Kugeln hier sind größer und laufen auch anders, hat aber Spaß gemacht, Klaus hat 13 zu 10 gewonnen. Schläfrig nun.

Sonntag

Sitze auf einem Himmelbett in Ladybrand umterm Baldachin. Ein praller Horizont verschwindet am Horizont. Es ist kurz vor acht und wieder kühl, trotz Ölradiator und dünnem, aber wenigstens heißem, englischen Kaffee. Sind bei einer energischen, mittelältlichen, weißen Dame abgestiegen. Ich habe ein reichlich plüschiges Zimmer im Erdgeschoß abbekommen.

Sind heute morgen gegen halb zehn von "The Nest" aufgebrochen, Ziel: das Königreich Lesotho! Dieses Bergland hat zwar 14 Grenzübergänge, wir mußten aber sehr weit fahren, da wir nicht den ungeteerten "God Help Me-Pass" (welch grandioser Name für einen dreitausender Gebirgspaß!) nehmen wollten, sondern immer an den Drakensbergen entlang. Die sehen aus wie eine kolossale, natürliche Steinmauer. Sind durch Kettel und Bethlehem am Fluß Jordan (den haben einst strenggläubige Vortrekker so getauft) nach Fruiseburg, dem nächstgelegen Übergang gefahren. Kaum ist man über die Grenze gelangt, verändert sich die Landschaft stark. Lesotho ist ja ein hochgelegenes Gebirgs-Plateau, die Flüsse schneiden gratige Kanten in die steinige Erde. Rechts und links wuchten sich ständig gewaltige Granitfelsen an der Straße entlang. Die Siedlungen sind oft weitläufig, sie bestehen meist nur aus einstöckigen, schmalen Lehmhütten und den typischen Rundhäusern. Und offensichtlich war an diesem Sonntag das ganze Land auf den Beinen, denn an allen Straßen liefen, rannten, wuselten Schwarz-Afrikaner herum und durcheinander. Man sieht übrigens überhaupt keinen Weißen! Und offenbar hat hier auch jedes noch so kleine Dorf seinen eigenen Auto-Friedhof; Chevreolet, VW-Käfer, Mercedes und Toyota sind die führenden rostenden Marken.

Haben auf unserer Route von der Grenze nach Maseru, der lesothischen Hauptstadt, eine stimmungsvolle weiß-blaue Hochzeit gesehen (die Gewänder der Gläubigen), das moslemische Gebet von ungefähr dreißig Frauen, die sich kniend immer wieder nach vorne warfen, gen Mekka wohl und eine Beerdigung auf einem steinigen, kargen Friedhof. Lustigerweise trugen die Trauernden dort alte Regenschirme und Sonnenschirme. Unterwegs haben viele, besonders Kinder, gewunken, eine Frau hat uns aber auch die Zunge herausgestreckt. Hm.

Plötzlich waren wir auch schon in Maseru, der seltsamsten Hauptstadt, die ich bisher sah. Kaum bist du drin, bist auch schon wieder hinaus. Eingangs wieder nur endlose, flache Hütten, eine breite, staubige Hauptstraße. In der Mitte einige fünf bis achtstöckige Häuser, ein paar Läden. Das wars dann auch schon. Waren kurz im "Maseru-Sun"-Hotel, einem häßlichen Beton-Ferien-Klotz und wollten da nicht nächtigen. Nach einem Orangensaft und dem Kauf des lesothischen National-Hutes durch Klaus, also weiter in Richtung Süd-Afrika. Ganz plötzlich tut sich am Stadtende ein großer, brodelnder, dampfender Markt auf, voll mit schwarzen Menschen, Früchten, Trödel und lesothisch Gekochtem. Daran an schließt sich der Grenzübergang, ein Dämon aus Geschrei und Geschiebe. Denn viele Basophoten fahren nach South-Afrika, um dort zu arbeiten. Ellenlange Bus-Trucks und gleiseweise Züge warten auf sie an der Grenze. Haben uns in einer langen Schlange zwischen alte, verbrauchte Männer und Frauen mit Kindsbündeln eingereiht, um die Einreise-Formulare auszufüllen und den Visa-Stempel zu bekommen.

Stoppten nicht weit hinter der Grenze in Ladybrand, der nächstgrößeren Stadt, weil wir ziemlich müde waren. Hier sieht es aus wie eine Kleinstadt im USA-Mittelwesten, schon komisch. Quadratische Straßenzüge, gepflegte Grünflächen mit Fahnenmasten und fast nur Weiße, was im Oranje-Freestaat aber normal ist.

Montag

Ronald - ganz allein zu Haus! Alone in Johannesburg. Hocke im "Harrisson Reef"-Hotel, Pretoria-, Ecke Twister Troye, bei offenem Fenster und blicke auf das pulsierende Hillbrow. Das ist der dichtbesiedelste und multikulturelleste Stadtteil von Jo'burg, aber auch einer der gefährlichsten. Das "Harrisson" ist ein häßlicher, viereckiger Kasten, hier wohnen fast nur Schwarze, einige Inder und wenige Bleichgesichter. Hier findet man schon mal eine eingetretene Tür auf dem Flur, Löcher in der Gardine, lose Kabel und meine Balkontür hinaus zur Straßenschlucht ist mit einem Draht festgemacht. Zu allem Unglück hab ich meinen ersten Zimmerschlüssel gleich abgebrochen (Room 602), wurde von der Lifttür ("Schindler's Lift") eingeklemmt und der pechschwarze Portier behielt meine Visa-Karte ein. Wollte es ja so. Aber für 90 Rand geht das schon irgendwie in Ordnung. Kein Bock auf die cleanen Paläste down town.

In Hillbrow gibt es noch dieses chaotische, prickelnde Nachtleben, aber jeder Reiseführer warnt dringend vor Spaziergängen nach Einbruch der Dunkelheit. 1993 war Jo'burg die internationale Mordhauptstadt! Man soll auf keinen Fall Bargeld oder Credit-Cards mitschleppen. War dann natürlich trotzdem unten, sehr hektisch, sehr laut, sehr bunt. Auf der Straße sprach mich sofort ein Mosambiquaner an und wollte wissen, wo ich meine Kette herhab, an einer Ecke stritten sich laut verbitterte, schwarze Bettler um ich weiß nicht was. Die Läden haben alle noch offen, reges Treiben, das nur anfangs unheimlich wirkt. Es sind einige schwarze Scheriffs unterwegs, jeder Parkplatz, jedes Hotel und Kino ist von Bewaffneten bewacht. Wirklich urban und gut gequirlt abends hier, aber so ganz anders als Paris oder London. Natürlich findet man auch die üblichen Ladies-Bars, Discos, Pubs und dubiose Etablishments. An einer Ecke haben ältere Weiße Bettlern und Bedürftigen Tee ausgeschenkt. Einen halb abgenagten Broiler, den ich in eine Mülltonne geworfen habe, hat sich sofort ein Schwarzer geangelt. Jetzt wieder oben, in Room 604, hupt und polizeisirent es, das künstlich bunte Neon blinzelt in die Nacht. Rauche zu viel, hab noch Bier. Unten in der kahlen Lounge hat mich auch noch ein Milchgesicht wegen der Kette angemacht...

Dieser Montag begann gräßlich! Bin schon nachts halb vier in dieser Sandstein-Kemenate wachgeworden und konnte nicht mehr einschlafen. Hab gefroren. Im fröstelnden Dämmerzustand tauchten unendlich viele Menschen und Bilder aus meiner Jugend auf und streunten bunt in meinem matten Kopf herum. Hab an Freunde, Geliebte, Leute, Begebenheiten, Erlebnisse und Situationen gedacht. Detailgetreu und unheimlich scharf wanderte längst verschüttet geglaubte Vergangenheit an mir vor rüber. Hab Sachen gesehen, die bestimmt schon zehn bis fünfzehn Jahre nicht mehr in mir waren. Sequenzen, Fetzen, Stränge, Lebenswege, Gespräche. Sehr seltsam, fast beklemmend. Eine kalte Nacht in Ladybrand. Vielleicht ist es ja genauso wie kurz vorm Tod? Diabolisch, aber auch gut.

Ich wollte jedenfalls nur noch weg, aus diesem klammen Geisterhaus. Breakfast gab es aber erst ab Acht. Mußte dann noch zur First National Bank Frischgeld für uns holen, der Rand scheint förmlich zu verdunsten. Auch da wieder ein trauriges Erlebnis: ein vielleicht vierzig bis fünfzig jähriger Schwarzer, weiß nicht ob Zulu oder Xhosa, wollte irgendwas erledigen, verstand aber weder Afrikaans noch Englisch und wirkte sehr, sehr verloren in diesen hellen, klaren Räumen. Sie haben ihr von einem Schalter zum anderen geschickt und er wurde immer hilfloser und verwirrter, wußte nicht mal, wo er sich anstellen sollte. Ein Black Brother hat sich schließlich seiner erbarmt und für ihn in seiner Stammessprache gedolmetscht.....

Jedenfalls saßen wir dann wieder sechshundert lange Kilometer in dieser scheißengen Kiste, in knalliger Sonne durch den öden, platten, immer gleich gelben Oranje-Freestaat. Die im Reiseführer gepriesenen Thaba Nchu, (Land der Tswana, am Fuß des Schwarzen Berges) und Bloemfontein (von den Vortrekkern nach den ersten Funden: Blumen und eine Quelle >Fontein< so benannt) entpuppten sich als langweilige Neubau-Ansiedlungen.

Unterwegs, durch all die gelben Steppen und endlosen Savannen, wieder vorbei an hunderttausenden Telegraphenmasten. Das liebe ich an Süd-Afrika besonders: hier stehen noch Millionen dieser alten, verwitternden Holzmasten mit ihren Porzellan- oder Glasspindeln. Die strahlen so eine majestätische, sorglose Gelassenheit aus in all dem Licht. Echte Stoiker.

Sitze immernoch hoch über der Stadt des Goldes voller Rausch und Rufen. Die Balkontür knarrt im Nachtwind, dem Aschenbecher platzt der Bauch. Johannesburg, unser letztes großes Ziel. Vielleicht bin ich ja nur einmal im Leben hier? Die Afrikaner nennen es "E' Goli", als leuchtendes, oft unerreichbares Fanal für den halben Kontinent. Das sieht man auch sogleich, wenn man hineinfährt; allerorten erheben sich bucklige Halden des Goldsandes, der auch den immernoch arbeitenden Minen gefördert wird. Das ist ein sehr hellgelber Sand, aus dem das Gold bereits herausgewaschen ist, der auf den Halden langsam bräunlich überwächst. George Harrisson, ein Australier, nicht der Beatle, war es, der hier 1886 als Erster echtes Gold fand und die Stadt in einen über hundertjährigen Goldrausch versetzte. Abenteurer von drei Kontinenten überrannten die Stadt, die auch heute noch von Geld und Reichtum beherrscht wird. Davon zeugen die riesigen, blinkenden Wolkenkratzer, die Glaspaläste und die geldheischende Hektik.

Die Gegensätze geben sich kraß: gleich neben der imposanten Börse war ich, besser kroch, in eine Voodoo- und Medizinmann-Höhle. Tote Tiere, Häute, Schädel, Kreuze, Totenköpfe, alle Tierteile, hunderte von seltsamen Kräutern, alles sehr mystisch und dunkel. Viele Schwarze glauben immernoch fest an die heilbare Kraft dieser Dinge gegen alle Gebrechen dieser Welt. Direkt gegenüber der prahlerisch-protzige Glastempel der weltweit den Diamantenhandel beherrschenden Diamant Corporation Pyt. Ltd. Und davor warten hunderte Schwarze in ordentlichen Schlangen auf eines der wenigen Kleinbus-Taxis. Wir sind dann noch den Carlton Tower hochgesaust, das ist der höchste Skyscrapper von Jo'burg, 220 Meter über der Stadt. Von hier ergibt sich eine glanzvolle, weite Sicht über die gesamte Stadt und das ganze Witwaterstrand (Ende des Weißen Flusses), Greater Jo'burg sozusagen mit vier Millionen Einwohnern und endlosen Wellblechsiedlungen, Townships und Reihen-Siedlungen. Der Sonnenuntergang hatte es eilig und danach wird dieser hektische Moloch zu einem tausendfingrigem Leuchtkäfer. Auch von hier wieder diese ungezählten Goldhalden und Minenschächte. Vor die Wahl gestellt, zu dem deutschen Yuppie-Jüngelchen Adolf in seine sichere Villa in Bloksburg rauszufahren und restaurative Gespräche über das noch nicht rekolonialisierte Jo'burg zu führen, blieb für mich nur das gute, alte "Harrisson" in Hillbrow. Und da sitz ich jetzt.

Mittwoch

Crocodile siegt klar vor Elephant und Warzenschwein! Im gesicherten Mittelfeld Rabbitt, Antilope und Chicken, während Nilpferd und Giraffe einigermaßen enttäuschten. Caramba, die hab ich alle gegessen! Echt. Hätte ich vorher auch nicht geglaubt.

Wir waren gestern abend, als Abschluß-Abendessen sozusagen, im "Blue Train". Das ist ein teures, außergewöhnliches Restaurant in Jo'burg, bestehend aus vier alten, hölzernen Waggons des hier legendären "Blue Trains", ähnlich dem Orient-Express, Alter Kolonialstil, viel blankes Holz und plüschiger Samt, sehr gemütlich und anheimelnd. Und da reicht man halt über 150 verschiedene Speisen: jede Menge afrikanische Tiere, wie auch Zebra, Strauß, Affen, Büffel, Springbock, seltsame Würmer und Unmengen exotischer Fische! Für einen Festpreis von 50 Rand kann man sich soviel reinspachteln, wie man schafft. Ist anfangs schon ein seltsam-flau-trauriges Gefühl, all diese stolzen Tiere da in den Pfannen ohne Horizont zu sehen. Der Mensch, das Schwein?

Vormittags hab ich nach einer geruhsamen Nacht im "Harrisson" noch ausgiebig in der herrlich alten und tiefen Wanne gebadet und bin anschließend durch diesen Moloch gewandert. Viele wunderbare Eindrücke und Bilder, es passiert soviel auf der Straße: Friseure, Schuhmacher, Näher, unzählige Händler, Eckensteher und Galane, alle sind sie auf dem Pflaster und Asphalt aktiv. Ist schon ein erhebendes, prickelndes Gefühl, zwischen all den riesigen Wolkenkratzern in diesen Straßenschluchten umherzuwandeln. Hab im Cafe gesessen und den Menschen zugeschaut: Xulu, Inder, Juden, Buren, Asiaten, Europäer... ein wahrlich turbulentes Gemisch.

Haben gerade in der Zeitung von gestern erfahren, daß in Berlin immer noch 38 Grad heizen, wir hatten vorletzte Nacht hier minus ein Grad!! Tagsüber sind es so um die achtzehn, in der Sonne durchaus angenehm. Das wird ja eine feine Umstellung. Hab schon gepackt, warten eigentlich nur noch, daß es endlich los geht. Sind heute nacht nochmal 13 Stunden in den Wolken über Afrika, ehe wir dann in Hamburg landen.

THE END: drei Wochen Süd-Afrika sind zu Ende. Eine wundervolle, märchenhafte Zeit voll von unzähligen neuen Eindrücken und Prägungen. Meine Worte reichen längst nicht für diese Realität.

Ronald Galenza Johannesburg am 2. August 1994