Der Haß

Ich habe einen Haß. Lauf ich durch die Stadt, packt mich Ekel und Verzweiflung. Ob nun vormittags oder gegen Abend hin. Von Straßenzug zu Häuserzeile, vom Kietz zum Viertel. Abscheu schüttelt mich. Oft wird mir speiübel. Ich mag schon gar nicht mehr hinschauen. Bloß, wende ich mich gepeinigt ab, erschaue ich das verderbte Treiben schon auf der anderen Straßenseite. Wohin wenden? Ich ziehe den Kopf tiefer zwischen Hut und Mantelkragen und starre hartnäckig auf die Gehsteigplatten vor mir. Widerlich! Einfach nicht mit anzusehen, wie sie sich da bücken, genüßlich hinkauern, die Beine spreizen. Und das in aller Seelenruhe, in stoischer Gelassenheit, in Hohn sprechender Selbstgewißheit. Unter freiem Himmel, auf öffentlichen Plätzen und Parks unserer Stadt. Oh nein! Ich bin oft kurz vor dem Erbrechen. Ich kann mich nur noch mühsam nach Atem ringend, zitternd abwenden.

Und andere Menschen? Es ist nicht zu glauben. Müßten denn nicht alle einschreiten, strikt dazwischen fahren? Müßte sich nicht der ganze angestaute Unmut, der langgehegte Widerwillen entladen? Aber feige und schnöde, scheinbar blind, wenden sie die meisten Menschen ab. Diese Verstocktheit. Dieser Zustand kann doch nicht von Dauer sein. Niemand, der ernstlich einschreitet, Maßnahmen ergreift. Keine Hand, die Einhalt gebietet. Natürlich, natürlich. Es gibt Verordnungen, Artikel, Gesetze. Die stehen festgeschrieben. Doch niemand handelt danach. Nur wenige Sittsame, die verblieben sind. Sie machen sich zum Gespött der Masse, die froh ob des zentralen Anlasses munter in die Kerbe des Gelächters und Gezeters schlägt. Die Situation ist so nicht mehr haltbar, Abänderung muß her! Sollte man nicht Anzeige erstatten?

r. galenza