ORNAMENT & VERBRECHEN ist eine Folie

 “Wir haben keine feste Struktur als Band. Wir arbeiten über die ganze Stadt verteilt wie ein Myzel, ein Pilz, der Sporen abwirft.” (R. Lippock) Soeben ist die erste LP der Berliner Gruppe Ornament & Verbrechen erschienen, sie heißt “On eyes” und kam auf dem Label Hidden Records heraus. Messitsch schaute dem Sänger von Ornament & Verbrechen, Ronald Lippok, tief in die Augen.

Kannst du vielleicht etwas zu euren Anfängen sagen, wie fing es an?

Wir haben 1983 als Duo angefangen, mein Bruder Robert und ich. Damals waren wir inspiriert von dem Arbeitsethos von Thobbing Gristle. Uns ging es um die Arbeitsweise, also Tapes in kleinen Auflagen zu machen und nur für die Sympathiesanten zu arbeiten. Wir haben uns jahrelang erstmal auf Tape-Produktionen festgelegt und sind auch nur sehr selten aufgetreten. Dann haben wir mit verschiedenen Leuten zusammengearbeitet, z.B. Bernd Jestram und Norbert Jakschenties von Aufruhr Zur Liebe. Wir hatten aber nie eine feste Besetzung. Mittlerweile haben wohl über zwei Dutzend Leute bei uns mitgemacht. Die Platte ist jetzt ein Experiment für uns, aber es ist schon toll, eine zu machen. Denn eine Platte ist auch ein sinnlicher Gegenstand.

Wo habt ihr diese Platte aufgenommen und wie seid ihr zu einem Label gekommen oder das zu euch?

Die LP haben wir in Marzahn aufgenommen, in so einer Mischung aus Wolga-Werkstatt und Studio. Da konnte es dir passieren, daß du gerade gesungen hast und jemand vorbei kam und dich nach einer Kardanwelle gefragt hat. So ist es wirklich Musik aus der Garage. Christoph Tannert hat uns mit Emilio Winschetti bekannt gemacht, der Sänger von The Mint und auch ein Teil von The Perc Meets The Hidden Gentlemen ist. Der hat ein Tape von uns gehört und war begeistert. Da er für Mint gerade sein eigenes Label Hidden Records gegründet hat, erscheinen wir also auch gleich auf seinem neuen Label.

Ihr benutzt häufig Texte bekannter, aber schon verblichener Dichter wie John Donne, William Blake, Ezra Pound oder Bob Kaufmann. Welche Beziehung habt ihr denn zu solchen Texten?

Wir suchten etwas Adäquates für unsere Musik und sind dabei auf Sachen aus dem Frühbarock und Barock gestoßen. Damals haben die Dichter gearbeitet wie Ingenieure, sie haben Metaphermaschinen gebaut, Wortmonstren. Da gibt es eine ganz starke Spannung zwischen einer überhitzten Emotionalität und mathematischem Kalkül. Diese Dichter, die als Metapysiker bezeichnet wurden, galten später dann als kitschig und überfeinert. Uns ist aufgefallen, daß sie strukturell sehr gut zu dem passen, was wir so machen. Unsere Single “A experience”, die 1988 als definitiv erste DDR-Independent-Platte erschien, und das war damals wirklich kriminell, kam als Beilage der Literaturzeitung “Verwendung” heraus. Über die Witwe von Bob Kaufmann, einem Beatnik-Dichter der USA, gelangten wir an die Texte für diese Platte. Kaufmann’s Witwe hat mir dann hinterher geschrieben, daß sie unsere Songs sehr gemocht hat. Das war schon eigenartig für mich.


Nun habt ihr aber auch schon früh mit Dichtern des ehemaligen literarischen Undergrounds hierzulande (Papenfuß-Gorek, Döring, Schedlinski) zusammengearbeitet. Was reizt euch denn an diesem Zusammengehen?

Ja, Bert Papenfuß steht auch in so einer antiklassischen Tradition. Sie haben etwas von dieser Abgründigkeit. Diese Zusammenarbeit hat sich ja schon seit Anfang der achtziger Jahre entwickelt. Texte wie “Ant age art” wurden schon von Rosa Extra oder Etzel (legendäre Band in Mecklenburg mit dem Gitarristen Stefan Hachtmann) benutzt. Es hat irgendwie mit Underground zu tun, einer bewußt formulierten Haltung.

Früher seid ihr unter verschiedenen Namen uafgetreten, wie VVV oder Local Moon. Welche Gründe gab es dafür?

Mit unserem Namen gab’s ne Menge Ärger. Ich habe ihn in einem Buch gelesen, der stammt eigentlich von Adolf Loos, einem östereichischem, puristischem Architekten. Der hat 1908 ein Traktat geschrieben, in dem er gegen die Tätowierung von Wilden, das Bemalen ihrer Paddel usw. gewettert hat. Er war gegen jede Form von Schmuck. Unser Name ist umgekehrt gemeint, als Paradox.

VVV war eine böse Geschichte. Wir wollten auf der Insel in Berlin spielen und das ging angeblich unter unserem wirklichen Namen damals nicht. So haben wir uns für diesen einen Gig VVV genannt. VVV war eine Emigrantenzeitung von Surrealisten, die nach Amerika ausgewandert sind. Es war eine Konzessionsentscheidung an die Veranstalter. Local Moon ist als Abfallprodukt entstanden. Ich hatte mit dem damaligen Keyboarder von Ornament & Verbrechen, Rene le Doil, bestimmte musikalische Vorstellungen und Visionen, die sich innerhalb von Ornament & Verbrechen nicht verwirklichen ließen.


Ihr habt ja nie diese sture Rocknummer durchgezogen, sondern habt Lesungen begleitet, wart in Performances integriert und habt 1988 die Musik für das Stück “Die Geise” von Brendan Behan konzipiert, das in der Regie von Thomas Langhoff am Deutschen Theater Berlin aufgeführt wurde. Was treibt euch in solche Richtungen?

Wir haben an diesem Stück mitgearbeitet, weil wir so eine gewisse Sympathie für da Irische Theater und die alte irische Rasse haben. Für uns war es reizvoll, so etwas mal zu probieren. Wir mußten da mit Leuten aus völlig anderen Generationen zusammenarbeiten, ein guter Anlaß für abgründige Erfahrungen. Wir haben zum Beispiel danach mit dem Schauspieler Ulrich Mühe einen Livegig gespielt, wo er den “Iron man” von Black Sabbath gesungen hat. Das hatte wirklich Charme. Es gab aber auch dauern Ärger wegen der Dezibels. Bei der ersten Vorstellung hingen dann Warnschilder an den Wänden, daß in den vorderen Reihen soundsoviel Dezibel dröhnen.

Bei den Performances kann man einfach feier und offenen arbeiten, man hat nicht diese festgelegte Konzert-Situation. Alle Konzepte sind stark von den Leuten geprägt, die gerade mitarbeiten. Es gibt soviel verschiedene Einflüsse, wie Leute mitmachen. Ornament & Verbrechen ist eine Folie.

 R. Galenza     November 1990     Messitsch Berlin    6/90      S. 8/9